Und jetzt auch noch diese Krankheit, die mich immer schon so
eigentümlich berührt hat. Ich bin sicher, daß man sie
unterschätzt. Genau wie man die Bedeutung anderer Krankheiten
übertreibt. Diese Krankheit hat keine bestimmten Eigenheiten,
sie nimmt die Eigenheiten dessen an, den sie ergreift. Mit einer
somnambulen Sicherheit holt sie aus einem jeden seine tiefste Gefahr
heraus, die vergangen schien, und stellt sie wieder vor ihn hin, ganz
nah, in die nächste Stunde. Männer, die einmal in der
Schulzeit das hülflose Laster versucht haben, dessen betrogene
Vertraute die armen, harten Knabenhände sind, finden sich wieder
darüber, oder es fängt eine Krankheit, die sie als Kinder
überwunden haben, wieder in ihnen an; oder eine verlorene
Gewohnheit ist wieder da, ein gewisses zögerndes Wenden des
Kopfes, das ihnen vor Jahren eigen war. Und mit dem, was kommt, hebt
sich ein ganzes Gewirr irrer Erinnerungen, das daranhängt wie
nasser Tang an einer versunkenen Sache. Leben, von denen man nie
erfahren hätte, tauchen empor und mischen sich unter das, was
wirklich gewesen ist, und verdrängen Vergangenes, das man zu
kennen glaubte: denn in dem, was aufsteigt, ist eine ausgeruhte, neue
Kraft, das aber, was immer da war, ist müde von zu oftem
Erinnern.
Ich liege in meinem Bett, fünf Treppen hoch, und mein Tag, den
nichts unterbricht, ist wie ein Zifferblatt ohne Zeiger. Wie ein Ding,
das lange verloren war, eines Morgens auf seiner Stelle liegt,
geschont und gut, neuer fast als zur Zeit des Verlustes, ganz als ob
es bei irgend jemandem in Pflege gewesen wäre -: so liegt da und
da auf meiner Bettdecke Verlorenes aus der Kindheit und ist wie
neu. Alle verlorenen Ängste sind wieder da.
Die Angst, daß ein kleiner Wollfaden, der auf dem Saum
der Decke heraussteht, hart sei, hart und scharf wie eine
stählerne Nadel; die Angst, daß dieser kleine Knopf meines
Nachthemdes größer sei als mein Kopf, groß und
schwer; die Angst, daß dieses Krümchen Brot, das jetzt von
meinem Bette fällt, gläsern und zerschlagen unten ankommen
würde, und die drückende Sorge, daß damit eigentlich
alles zerbrochen sei, alles für immer; die Angst, daß der
Streifen Rand eines aufgerissenen Briefes etwas Verbotenes sei, das
niemand sehen dürfe, etwas unbeschreiblich Kostbares, für
das keine Stelle in der Stube sicher genug sei; die Angst, daß
ich, wenn ich einschliefe, das Stück Kohle verschlucken
würde, das vor dem Ofen liegt; die Angst, daß irgendeine
Zahl in meinem Gehirn zu wachsen beginnt, bis sie nicht mehr Raum hat
in mir; die Angst, daß das Granit sei, worauf ich liege, grauer
Granit; die Angst, daß ich schreien könnte und daß
man vor meiner Türe zusammenliefe und sie schließlich
aufbräche, die Angst, daß ich mich verraten könnte und
alles das sagen, wovor ich mich fürchte, und die Angst, daß
ich nichts sagen könnte, weil alles unsagbar ist,
- und die anderen Ängste . . . die Ängste.
Ich habe um meine Kindheit gebeten, und sie ist wiedergekommen, und
ich fühle, daß sie immer noch so schwer ist wie damals und
daß es nichts genützt hat, älter zu werden.
|