Zwölf Jahre oder höchstens dreizehn muß ich damals
gewesen sein. Mein Vater hatte mich nach Urnekloster mitgenommen. Ich
weiß nicht, was ihn veranlaßte, seinen Schwiegervater
aufzusuchen. Die beiden Männer hatten sich jahrelang, seit dem
Tode meiner Mutter, nicht gesehen, und mein Vater selbst war noch nie
in dem alten Schlosse gewesen, in welches der Graf Brahe sich erst
spät zurückgezogen hatte. Ich habe das merkwürdige
Haus später nie wiedergesehen, das, als mein Großvater
starb, in fremde Hände kam. So wie ich es in meiner kindlich
gearbeiteten Erinnerung wiederfinde, ist es kein Gebäude; es ist
ganz aufgeteilt in mir; da ein Raum, dort ein Raum und hier ein
Stück Gang, das diese beiden Räume nicht verbindet, sondern
für sich, als Fragment, aufbewahrt ist. In dieser Weise ist alles
in mir verstreut, - die Zimmer, die Treppen, die mit so großer
Umständlichkeit sich niederließen, und andere enge,
rundgebaute Stiegen, in deren Dunkel man ging wie das Blut in den
Adern; die Turmzimmer, die hoch aufgehängten Balkone, die
unerwarteten Altane, auf die man von einer kleinen Tür
hinausgedrängt wurde: - alles das ist noch in mir und wird nie
aufhören, in mir zu sein. Es ist, als wäre das Bild dieses
Hauses aus unendlicher Höhe in mich hineingestürzt und auf
meinem Grunde zerschlagen.
Ganz erhalten ist in meinem Herzen, so scheint es mir, nur jener Saal,
in dem wir uns zum Mittagessen zu versammeln pflegten, jeden Abend um
sieben Uhr. Ich habe diesen Raum niemals
bei Tage gesehen, ich erinnere mich nicht einmal, ob er Fenster hatte
und wohin sie aussahen; jedes mal, so oft die Familie eintrat,
brannten die Kerzen in den schweren Armleuchtern, und man vergaß
in einigen Minuten die Tageszeit und alles, was man draußen
gesehen hatte. Dieser hohe, wie ich vermute, gewölbte Raum war
stärker als alles; er saugte mit seiner dunkelnden Höhe, mit
seinen niemals ganz aufgeklärten Ecken alle Bilder aus einem
heraus, ohne einem einen bestimmten Ersatz dafür zu geben. Man
saß da wie aufgelöst; völlig ohne Willen, ohne
Besinnung, ohne Lust, ohne Abwehr. Man war wie eine leere Stelle. Ich
erinnere mich, daß dieser vernichtende Zustand mir zuerst fast
Übelkeit verursachte, eine Art Seekrankheit, die ich nur dadurch
überwand, daß ich mein Bein ausstreckte, bis ich mit dem
Fuß das Knie meines Vaters berührte, der mir
gegenübersaß. Erst später fiel es mir auf, daß
er dieses merkwürdige Benehmen zu begreifen oder doch zu dulden
schien, obwohl zwischen uns ein fast kühles Verhältnis
bestand, aus dem ein solches Gebaren nicht erklärlich war. Es war
indessen jene leise Berührung, welche mir die Kraft gab, die
langen Mahlzeiten auszuhalten. Und nach einigen Wochen krampfhaften
Ertragens hatte ich, mit der fast unbegrenzten Anpasssung des Kin des,
mich so sehr an das Unheimliche jener Zusammenkünfte
gewöhnt, daß es mich keine Anstrengung mehr kostete, zwei
Stunden bei Tische zu sitzen; jetzt vergingen sie sogar
verhältnismäßig schnell, weil ich mich damit
beschäftigte, die Anwesenden zu beobachten.
Mein Großvater nannte es die Familie, und ich hörte auch
die andern diese Bezeichnung gebrauchen, die ganz willkürlich
war. Denn obwohl diese vier Menschen miteinander in entfernten
verwandtschaftlichen Beziehungen standen, so gehörten sie doch in
keiner Weise zusammen. Der Oheim, welcher neben mir saß, war ein
alter Mann, dessen hartes und verbranntes Gesicht einige schwarze
Flecke zeigte,
wie ich erfuhr, die Folgen einer explodierten Pulverladung;
mürrisch und malkontent wie er war, hatte er als Major seinen
Abschied genommen, und nun machte er in einem mir unbekannten Raum des
Schlosses alchymistische Versuche, war auch, wie ich die Diener sagen
hörte, mit einem Stockhause in Verbindung, von wo man ihm ein-
oder zweimal jährlich Leichen zusandte, mit denen er sich Tage
und Nächte einschloß und die er zerschnitt und auf eine
geheimnisvolle Art zubereitete, so daß sie der Verwesung
widerstanden. Ihm gegenüber war der Platz des Fräuleins
Mathilde Brahe. Es war das eine Person von unbe stimmtem Alter, eine
entfernte Cousine meiner Mutter, von der nichts bekannt war, als
daß sie eine sehr rege Korrespondenz mit einem
österreichischen Spiritisten unterhielt, der sich Baron Nolde
nannte und dem sie vollkommen ergeben war, so daß sie nicht das
geringste unternahm, ohne vorher seine Zustimmung oder vielmehr etwas
wie seinen Segen einzuholen. Sie war zu jener Zeit
außerordentlich stark, von einer weichen, trägen
Fülle, die gleichsam
achtlos in ihre losen, hellen Kleider hineingegossen war; ihre
Bewegungen waren müde und unbestimmt, und ihre Augen flossen
beständig über. Und trotzdem war etwas in ihr, das mich an
meine zarte und schlanke Mutter erinnerte.
Ich fand, je länger ich sie betrachtete, alle die feinen und
leisen Züge in ihrem Gesichte, an die ich mich seit meiner Mutter
Tode nie mehr recht hatte erinnern können; nun erst, seit ich
Mathilde Brahe täglich sah, wußte ich wieder, wie die
Verstorbene ausgesehen hatte; ja, ich wußte es vielleicht zum
erstenmal. Nun erst setzte sich aus hundert und hundert Einzelheiten
ein Bild der Toten in mir zusammen, jenes Bild, das mich überall
begleitet. Später ist es mir klar geworden, daß in dem
Gesicht des Fräuleins Brahe wirklich alle Einzelheiten vorhanden
waren, die die Züge meiner Mutter bestimmten, - sie waren nur,
als ob ein fremdes Gesicht sich dazwischen geschoben hätte,
auseinandergedrängt, verbogen und nicht mehr in Verbindung
miteinander.
Neben dieser Dame saß der kleine Sohn einer Cousine, ein Knabe,
etwa gleichaltrig mit mir, aber kleiner und schwächlicher. Aus
einer gefältelten Krause stieg sein dünner, blasser Hals
und verschwand unter einem langen Kinn. Seine Lippen waren schmal und
fest geschlossen, seine Nasenflügel zitterten leise, und von
seinen schönen dunkelbraunen Augen war nur das eine
beweglich. Es blickte manchmal ruhig und traurig zu mir herüber,
während das andere immer in dieselbe Ecke gerichtet blieb, als
wäre es verkauft und käme nicht mehr in Betracht.
Am oberen Ende der Tafel stand der ungeheure Lehnsessel meines
Großvaters, den ein Diener, der nichts anderes zu tun hatte, ihm
unterschob und in dem der Greis nur einen geringen Raum einnahm. Es
gab Leute, die diesen schwerhörigen und herrischen alten Herrn
Exzellenz und Hofmarschall nannten, andere gaben ihm den Titel
General. Und er besaß gewiß auch alle diese Würden, aber
es war so lange her, seit er Ämter bekleidet hatte, daß
diese Benennungen kaum mehr verständlich waren. Mir schien es
überhaupt, als ob an seiner in gewissen Momenten so scharfen und
doch immer wieder aufgelösten Persönlichkeit kein bestimmter
Name haften könne. Ich konnte mich nie entschließen, ihn
Großvater zu nennen, obwohl er bisweilen freundlich zu mir war,
ja mich sogar zu sich rief, wobei er meinem Namen eine scherzhafte
Betonung zu geben versuchte. Übrigens zeigte die ganze Familie
ein aus Ehrfurcht und Scheu gemischtes Benehmen dem Grafen
gegenüber, nur der kleine Erik lebte in einer gewissen
Vertraulichkeit mit dem greisen Hausherrn; sein bewegliches Auge hatte
zuzeiten rasche Blicke des Einverständnisses mit ihm, die
ebensorasch von dem Großvater erwidert wurden; auch konnte man
sie zuweilen in den langen Nachmittagen am Ende der tiefen Galerie
auftauchen sehen und beobachten, wie sie, Hand
in Hand, die dunklen alten Bildnisse entlang gingen, ohne zu sprechen,
offenbar auf eine andere Weise sich verständigend.
Ich befand mich fast den ganzen Tag im Parke und draußen in den
Buchenwäldern oder auf der Heide; und es gab zum Glück Hunde
auf Urnekloster, die mich begleiteten; es gab da und dort ein
Pächterhaus oder einen Meierhof, wo ich Milch und Brot und
Früchte bekommen konnte, und ich glaube, daß ich meine
Freiheit ziemlich sorglos genoß, ohne mich, wenigstens in den
folgenden Wochen, von dem Gedanken an die abendlichen
Zusammenkünfte ängstigen zu lassen. Ich sprach fast mit
niemandem, denn es war meine Freude, einsam zu sein; nur mit den Hunden
hatte ich kurze Gespräche dann und wann: mit ihnen verstand ich
mich ausgezeichnet. Schweigsamkeit war übrigens eine Art
Familieneigenschaft; ich kannte sie von meinem Vater her, und es
wunderte mich nicht, daß während der Abendtafel fast nichts
gesprochen wurde.
In den ersten Tagen nach unserer Ankunft allerdings benahm sich
Mathilde Brahe äußerst gesprächig. Sie fragte den
Vater nach früheren Bekannten in ausländischen Städten,
sie erinnerte sich entlegener Eindrücke, sie rührte
sich selbst bis zu Tränen, indem sie verstorbener Freundinnen und
eines gewissen jungen Mannes gedachte, von dem sie andeutete,
daß er sie geliebt habe, ohne daß sie seine inständige
und hoffnungslose Neigung hätte erwidern mögen. Mein Vater
hörte höflich zu, neigte dann und wann zustimmend sein
Haupt und antwortete nur das Nötigste. Der Graf, oben am Tisch,
lächelte beständig mit herabgezogenen Lippen, sein Gesicht
erschien größer als sonst, es war, als trüge er eine
Maske. Er ergriff übrigens selbst manchmal das Wort, wobei seine
Stimme sich auf niemanden bezog, aber, obwohl sie sehr leise war, doch
im ganzen Saal gehört werden konnte; sie hatte etwas von dem
gleichmäßigen unbeteiligten Gang einer Uhr; die Stille um
sie schien eine eigene leere Resonanz zu haben, für jede Silbe die
gleiche.
Graf Brahe hielt es für eine besondere Artigkeit meinem Vater
gegenüber, von dessen verstorbener Gemahlin, meiner Mutter, zu
sprechen. Er nannte sie Gräfin Sibylle, und alle seine Sätze
schlossen, als fragte er nach ihr. Ja es kam mir, ich weiß nicht
weshalb, vor, als handle es sich um ein ganz junges Mädchen in
Weiß, das jeden Augenblick bei uns eintreten könne. In
demselben Tone hörte ich ihn auch von >unserer kleinen Anna
Sophie< reden. Und als ich eines Tages nach diesem Fräulein
fragte, das dem Großvater besonders lieb zu sein schien, erfuhr
ich, daß er des Großkanzlers Conrad Reventlow Tochter
meinte, weiland Friedrichs des Vierten Gemahlin zur linken Hand, die
seit nahezu anderthalb hundert Jahren zu Roskilde ruhte. Die
Zeitfolgen spielten durchaus keine Rolle für ihn, der Tod war ein
kleiner Zwischenfall, den er vollkommen ignorierte, Personen, die er
einmal in seine Erinnerung aufgenommen hatte, existierten, und daran
konnte ihr Absterben nicht das geringste ändern. Mehrere Jahre
später, nach dem Tode des alten Herrn, erzählte man sich,
wie er auch das Zukünftige mit demselben Eigensinn als
gegenwärtig empfand. Er soll einmal einer gewissen jungen Frau
von ihren Söhnen gesprochen haben, von den Reisen eines dieser
Söhne insbesondere, während die junge Dame, eben im dritten
Monate ihrer ersten Schwangerschaft, fast besinnungslos vor Entsetzen
und Furcht neben dem unablässig redenden Alten saß.
Aber es begann damit, daß ich lachte. Ja ich lachte laut und ich
konnte mich nicht beruhigen. Eines Abends fehlte nämlich Mathilde
Brahe. Der alte, fast ganz erblindete Bediente hielt, als er zu ihrem
Platze kam, dennoch die Schüssel anbietend hin. Eine Weile
verharrte er so; dann ging er befriedigt und würdig und als ob
alles in Ordnung wäre weiter. Ich hatte diese Szene beobachtet,
und sie kam mir,
im Augenblick da ich sie sah, durchaus nicht komisch vor. Aber eine
Weile später, als ich eben einen Bissen in den Mund steckte,
stieg mir das Gelächter mit solcher Schnelligkeit in den Kopf,
daß ich mich verschluckte und großen Lärm
verursachte. Und trotzdem diese Situation mir selber lästig war,
trotzdem ich mich auf alle mögliche Weise anstrengte, ernst zu
sein, kam das Lachen stoßweise immer wieder und behielt
völlig die Herrschaft über mich.
Mein Vater, gleichsam um mein Benehmen zu verdecken, fragte mit
seiner breiten gedämpften Stimme: »Ist Mathilde
krank?« Der Großvater lächelte in seiner Art und
antwortete dann mit einem Satze, auf den ich, mit mir selber
beschäftigt, nicht achtgab und der etwa lautete: Nein, sie
wünscht nur, Christinen nicht zu begegnen. Ich sah es also auch
nicht als Wirkung dieser Worte an, daß mein Nachbar, der braune
Major, sich erhob und, mit einer undeutlich gemurmelten Entschuldigung
und einer Verbeugung gegen den Grafen hin, den Saal verließ. Es
fiel mir nur auf, daß er sich hinter dem Rücken des
Hausherrn in der Tür nochmals umdrehte und dem kleinen Erik und
zu meinem größten Erstaunen plötzlich auch mir
winkende und nickende Zeichen machte, als forderte er uns auf, ihm zu
folgen. Ich war so überrascht, daß mein Lachen
aufhörte, mich zu bedrängen. Im übrigen schenkte ich
dem Major weiter keine Aufmerksamkeit; er war mir unangenehm, und ich
bemerkte auch, daß der kleine Erik ihn nicht beachtete.
Die Mahlzeit schleppte sich weiter wie immer, und man war gerade beim
Nachtisch angelangt, als meine Blicke von einer Bewegung ergriffen und
mitgenommen wurden, die im Hintergrund des Saales, im Halbdunkel, vor
sich ging. Dort war nach und nach eine, wie ich meinte, stets
verschlossene Türe, von welcher man mir gesagt hatte, daß
sie in das Zwischengeschoß führe, aufgegangen, und jetzt,
während ich mit einem mir ganz neuen Gefühl von Neugier und
Bestürzung hinsah, trat in das Dunkel der Türöffnung
eine schlanke, hellgekleidete Dame und kam langsam auf uns zu. Ich
weiß nicht, ob ich eine Bewegung machte oder einen Laut von mir
gab, der Lärm eines umstürzenden Stuhles zwang mich, meine
Blicke von der merkwürdigen Gestalt abzureißen, und ich sah
meinen Vater, der aufgesprungen war und nun, totenbleich im Gesicht,
mit herabhängenden geballten Händen, auf die Dame
zuging. Sie bewegte sich indessen, von dieser Szene ganz
unberührt, auf uns zu, Schritt für Schritt, und sie war
schon nicht mehr weit von dem Platze des Grafen, als dieser sich mit
einem Ruck erhob, meinen Vater beim Arme faßte, ihn an den Tisch
zurückzog und festhielt, während die fremde Dame, langsam
und teilnahmlos, durch den nun freigewordenen Raum vorüberging,
Schritt für Schritt, durch unbeschreibliche Stille, in der nur
irgendwo ein Glas zitternd klirrte, und in einer Tür der
gegenüberliegenden Wand des Saales verschwand.
In diesem Augenblick bemerkte ich, daß es der kleine Erik war,
der mit einer tiefen Verbeugung diese Türe hinter der Fremden
schloß.
Ich war der einzige, der am Tische sitzengeblieben war; ich hatte mich
so schwer gemacht in meinem Sessel, mir schien, ich könnte allein
nie wieder auf. Eine Weile sah ich, ohne zu sehen. Dann fiel mir mein
Vater ein, und ich gewahrte, daß der Alte ihn noch immer am Arme
festhielt. Das Gesicht meines Vaters war jetzt zornig, voller Blut,
aber der Großvater, dessen Finger wie eine weiße Kralle
meines Vaters Arm umklammerten, lächelte sein masken haftes
Lächeln. Ich hörte dann, wie er etwas sagte, Silbe für
Silbe, ohne daß ich den Sinn seiner Worte verstehen
konnte. Dennoch fielen sie mir tief ins Gehör, denn vor etwa zwei
Jahren fand ich sie eines Tages unten in meiner Erinnerung, und
seither weiß ich sie. Er sagte: »Du bist
heftig, Kammerherr, und unhöflich. Was läßt du die
Leute nicht an ihre Beschäftigungen gehn?« »Wer ist
das?« schrie mein Vater dazwischen. »Jemand, der wohl das
Recht hat, hier zu sein. Keine Fremde. Christine Brahe.« - Da
entstand wieder jene merkwürdig dünne Stille, und wieder
fing das Glas an zu zittern. Dann aber riß sich mein Vater mit
einer Bewegung los und stürzte aus dem Saale.
Ich hörte ihn die ganze Nacht in seinem Zimmer auf und ab gehen;
denn auch ich konnte nicht schlafen. Aber plötzlich gegen Morgen
erwachte ich doch aus irgend etwas Schlafähnlichem und sah mit
einem Entsetzen, daß mich bis ins Herz hinein lähmte, etwas
Weißes, das an meinem Bette saß. Meine Verzweiflung gab
mir schließlich die Kraft, den Kopf unter die Decke zu stecken,
und dort begann ich aus Angst und Hülflosigkeit zu
weinen. Plötzlich wurde es kühl und hell über meinen
weinenden Augen; ich drückte sie, um nichts sehen zu müssen,
über den Tränen zu. Aber die Stimme, die nun von ganz nahe
auf mich einsprach, kam lau und süßlich an mein Gesicht,
und ich erkannte sie: es war Fräulein Mathildes Stimme. Ich
beruhigte mich sofort und ließ mich trotzdem, auch als ich schon
ganz ruhig war, immer noch weiter trösten; ich fühlte zwar,
daß diese Güte zu weichlich sei, aber ich genoß sie
dennoch und meinte sie irgendwie verdient zu
haben. »Tante«, sagte ich schließlich und versuchte
in ihrem zerflossenen Gesicht die Züge meiner Mutter
zusammenzufassen: »Tante, wer war die Dame?«
»Ach«, antwortete das Fräulein Brahe mit einem
Seufzer, der mir komisch vorkam, »eine Unglückliche, mein
Kind, eine Unglückliche.«
Am Morgen dieses Tages bemerkte ich in einem Zimmer einige Bediente,
die mit Packen beschäftigt waren. Ich dachte, daß wir
reisen würden, ich fand es ganz natürlich, daß wir nun
reisten. Vielleicht war das auch meines Vaters Absicht. Ich habe nie
erfahren, was ihn bewog, nach jenem Abend noch auf Urnekloster zu
bleiben. Aber wir reisten nicht. Wir
hielten uns noch acht Wochen oder neun in diesem Hause auf, wir
ertrugen den Druck seiner Seltsam keiten, und wir sahen noch dreimal
Christine Brahe.
Ich wußte damals nichts von ihrer Geschichte. Ich wußte
nicht, daß sie vor langer, langer Zeit in ihrem zweiten Kindbett
gestorben war, einen Knaben gebährend, der zu einem bangen und
grausamen Schicksal heranwuchs, - ich wußte nicht, daß sie
eine Gestorbene war. Aber mein Vater wußte es. Hatte er, der
leidenschaftlich war und auf Konsequenz und Klarheit angelegt, sich
zwingen wollen, in Fassung und ohne zu fragen, dieses Abenteuer
auszuhalten? Ich sah, ohne zu begreifen, wie er mit sich kämpfte,
ich erlebte es, ohne zu verstehen, wie er sich endlich bezwang.
Das war, als wir Christine Brahe zum letztenmal sahen. Dieses Mal war
auch Fräulein Mathilde zu Tische erschienen; aber sie war anders
als sonst. Wie in den ersten Tagen nach unserer Ankunft sprach sie
unaufhörlich ohne bestimmten Zusammenhang und fortwährend
sich verwirrend, und dabei war eine körperliche Unruhe in ihr,
die sie nötigte, sich beständig etwas am Haar oder am Kleide
zu richten, - bis sie unvermutet mit einem hohen klagenden Schrei
aufsprang und verschwand.
In demselben Augenblick wandten sich meine Blicke unwillkürlich
nach der gewissen Türe, und wirklich: Christine Brahe trat
ein. Mein Nachbar, der Major, machte eine heftige, kurze Bewegung, die
sich in meinen Körper fortpflanzte, aber er hatte offenbar keine
Kraft mehr, sich zu erheben. Sein braunes, altes, fleckiges Gesicht
wendete sich von einem zum andern, sein Mund stand offen, und die
Zunge wand sich hinter den verdorbenen Zähnen; dann auf einmal
war dieses Gesicht fort, und sein grauer Kopf lag auf dem Tische, und
seine Arme lagen wie in Stücken darüber und darunter, und
irgendwo kam eine welke, fleckige Hand hervor und bebte.
Und nun ging Christine Brahe vorbei, Schritt für Schritt, langsam
wie eine Kranke, durch unbeschreibliche Stille, in die nur ein
einziger wimmernder Laut hineinklang wie eines alten Hundes. Aber da
schob sich links von dem großen silbernen Schwan, der mit
Narzissen gefüllt war, die große Maske des Alten hervor mit
ihrem grauen Lächeln. Er hob sein Weinglas meinem Vater zu. Und
nun sah ich, wie mein Vater, gerade als Christine Brahe hinter seinem
Sessel vorüberkam, nach seinem Glase griff und es wie etwas sehr
Schweres eine Handbreit über den Tisch hob. Und noch in dieser
Nacht reisten wir.
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