von helle » 12. Sep 2007, 11:05
Einmal schreibt Rilke, das Datum habe ich nicht zur Hand:
"Heute ist ein Plakat ausgehängt worden bei Goltz, das die ganze Berliner "Neue Jugend", ihn, Däubler, die Lasker-Schüler, Becher, George Groß [sic!] und Herzfelde anzeigt, die alle zusammen am 17. einen Abend an sich reißen. Dem bin ich, fürchte ich, nicht gewachsen."
Sprechend finde ich die Wendung "an sich reißen". Zum Thema gehören Briefe an Thankmar Freiherr von Münchhausen vom 13/XI/16, an Anton Kippenberg, 28/X/25. Ferner das folgende Zitat, allgemein zum Expressionismus, und Aussagen zu einzelnen Dichtern, außer zu Trakl, s.u., vor allem zu Heym und Werfel. Eine persönliche Begegnung mit Werfel endete eher enttäuschend, das kann man hier und dort nachlesen.
"Der Expressionist, dieser explosiv gewordene Innenmensch, der die Lava seines kochendes Gemüts über alle Dinge gießt, um darauf zu bestehen, daß die zufällige Form, in der die Krusten erstarren, der neue, der künftige, der gültige Umriß des Daseins sei, ist eben ein Verzweifelter, und die Ehrlichen unter ihnen mag man auswüten und gewähren lassen. Vielleicht wird durch diese auffälligen und aufdringlichen Erscheinungen (die nur in ihrer kommerziellen Verwertung ganz widerlich werden) der Blick von dem zarten Wachstum dessen abgelenkt, was wirklich, nach und nach, als Zukunft sich herausstellen wird. Es ist so begreiflich, daß die Menschen ungeduldig geworden sind, – und doch, was tut jetzt mehr not als Geduld, Wunden brauchen Zeit und heilen nicht dadurch, daß man Fahnen in sie einpflanzt. Irgendwie anders muß die Welt in ein haltbares Bewußtsein eingehen, und vielleicht das Erste, woran sie sich wiederfindet, ein ganz Unscheinbares. jedenfalls ein Unsägliches sein! Mir scheint das Mindeste Aufbauen, das jeder Einzelne an seiner Stelle versucht, der einfach wieder hobelnde Tischler, der wieder hämmernde Schmied, der wieder rechnende und bedenkende Kaufmann: Das sind die Fortschreitenden, das sind die reinen Revolutionäre , je mehr, je stiller und tätiger und werkliebender sie, jeder an einem Platze, sich bemühen." (an Anni Mewes, 12/IX/19)
Zu Trakl:
"Auf Ihren letzten Brief hätte ich Ihnen gerne berichtet, wie ich im Juli, in Paris, mit Georg Trakls Gedichten grade sehr viel, sehr ergriffen umgegangen war; inzwischen hat sich sein Schicksal um ihn geschlossen, und nun ist er freilich noch deutlicher zu erkennen, wieweit sein Werk schon aus dem schicksalhaft Unergänglichen ausgetreten und ausgeworfen war.
[...]
Dienstag früh. (Nachschrift)
Gestern abend fand ich in dem Umschlag, aus dem ich mir den Kierkegaard entnommen hatte, Trakls Helian –, und danke Ihnen nun ganz besonders für die Sendung. Jedes Anheben und Hingeben in diesem schönen Gedicht ist von einer unsäglichen Süßigkeit, ganz ergreifen ward es mir durch seine inneren Abstände, es ist gleichsam auf seine Pausen aufgebaut, ein paar Einfriedungen um das grenzenlos Wortlose: so stehen die Zeilen da. Wie Zäune in einem flachen Land, über die hin das Eingezäunte fortwährend zu einer u8nbesitzbaren großen Ebene zusammenschlägt.
Wann ist der Helian geschrieben? Vielleicht haben Sie irgendwo ein paar Daten und Erinnerungen über den Dichter zusammengestellt?; sollten Sie derartiges an die Öffentlichkeit geben, so bitte ich um einen Hinweis, wo es zu lesen ist. Trakls Gestalt gehört zu den linoshafr Mythischen; instinktiv faß ich sie in den fünf Erscheinungen des Helian. Greifbarer hat sie wohl nicht zu sein, war sie es wohl nicht aus ihm selbst. Trotzdem erwünscht ich mir für manche Zeile einen Hinweis auf ihn, nicht um wörtlich zu »verstehn«, sondern nur um im Instinkt da und dort bestärkt zu sein.
(Die Nachrichten über T. in den »Weißen Blättern« habe ich gelesen.)"
(An Ludwig v. Ficker, 8/II/15)
"Inzwischen habe ich den »Sebastian im Traum« bekommen und viel darin gelesen: ergriffen, staunend, ahnend und ratlos; denn man begreift bald, daß die Bedingungen dieses Auftönens und Hinklingens unwiederbringlich einzige waren, wie die Umstände, aus denen eben ein Traum kommen mag. Ich denke mir, daß selbst der Nahestehende immer noch wie an Scheiben gepreßt diese Aussichten und Einblicke erfährt, als ein Ausgeschlossener: denn Trakles Erleben geht wie in Spiegelbildern und füllt seinen ganzen Raum, der unbetretbar ist, wie der Raum im Spiegel. (Wer mag er gewesen sein?)."
(An Ludwig v. Ficker, 15/II/15)
"Das Traklsche Gedicht ist für mich ein Gegenstand von sublimer Existenz. Nun erschüttert mich erst recht, wie die von Anfang flüchtende, in Ihrer Beschreibung leise ausgesparte Gestalt imstande war, das Gewicht ihres fortwährendes Untergangs in so genauen Bildungen zu beweisen. Es fällt mir ein, daß dieses ganze Werk sein Gleichnis hätte in dem Sterben des Li-Tai-Pe: hier wie dort ist das Fallen Vorwand für die unaufhaltsamste Himmelfahrt.
In der Geschichte des Gedichts sind die Bücher Trakls wichtige Beiträge zur Befreiung der dichterischen Figur. Eine neue Dimension des geistigen Raums scheint mit ihnen ausgemessen und das gefühls-stoffliche Vorurteil widerlegt, als ob in der Richtung der Klage nur Klage sei -: auch dort ist wieder Welt."
(An Erhard Buschbeck, 22/II/07)
Rilke gebraucht im Zusammenhang mit Trakls Dichtung mehrfach den Begriff des Spiegelbilds. Ganz klar ist mir das nicht, deshalb würden mich andere Meinungen dazu interessieren.
Gruß, h.