von helle » 8. Sep 2006, 13:20
Das finde ich gut, daß Du Rilke " als plastischen, greifbaren Menschen erscheinen lassen" willst. Ob es wohl auch mit der Interpretation seiner Texte zusammenpaßt? Denn das eine ist der biographisch überlieferte Mensch und das andere der Autor, und nicht immer besteht eine Verbindung zwischen beiden. Die Frage nach dem Recht oder Unrecht, solche Verbindungen herzustellen, hat hier im Forum schon zu kontroversen Diskussionen geführt. Ich meine, daß es eine Prüfung von Fall zu Fall geben sollte; mir erscheint unsinnig, die Person kategorisch vom Werk zu trennen, aber es ist noch unsinniger, etwa ein Rilke-Gedicht, in dem das Pronomen "ich" oder "mein" vorkommt, direkt auf den Autor und seine Lebensumstände zu beziehen. Das sind meistens zwei Paar Schuhe und sollte man aus methodischen Gründen unterscheiden.
Auch Lieblingsdichter und –bücher sind für die Interpretation meist nur dann von Belang, wenn es sichtbare literarische Bezüge zu ihnen gibt, Zitate, Anverwandlungen, Anspielungen, Paraphrasen usw.
Wenn Du hier mal den Namen des dänischen Dichters Jacobsen eingibst, wirst Du wohl ein paar Hinweise finden. Das war sicher ein, wenn nicht der "Lieblingsdichter" Rilkes, vor allem sein Roman "Niels Lyhne", obwohl Rilke auch Gedichte Jacobsens, die "Gurrelieder", übertragen hat. Von den zeitgenössischen Dichtern schätzte er eine Zeit lang sehr den jungen Franz Werfel, zuvor auch Liliencron und Dehmel, und natürlich George und Hofmannsthal und Trakl und Kafka, mehr die Zeitgenossen als die Klassiker, da gäb' es viel zu sagen, die Zeit finde ich nicht.
Von den älteren Dichtern ist es der damals wiederentdeckte Hölderlin, der Rilke beeindruckt und gelegentlich sozusagen auf ihn abgefärbt hat, in seinen letzten Lebensjahren hat ihm das Werk des französischen Dichters Paul Valéry viel bedeutet, aus dem er viele Gedichte übersetzt hat. Also es ist so eine Sache mit den Lieblingsdichtern, ein echt weites Feld. Vielleicht hilft das Buch "Rilke als Leser" von Tina Simon weiter, auf das hier im Forum auch schon hingewiesen wurde.
Was nun die Ernährungsfragen angeht, so war Rilke kein großer Esser und bekanntlich Vegetarier, also mit einer anständigen Schweinshaxe oder einem kräftigen Schlag aus der Gulaschkanone hättest Du ihn wohl jagen können. Dafür wußte er, was sich gehört, und zog sich sorgfältig um, bevor er an der Tafel Platz nahm, auch allein und zu Haus in Muzot, immerhin war er so etwas wie ein Schloßherr. Ob er nun zur Nachmittagsstunde auch etwas Gebäck, vielleicht eine Zitronenwaffel oder einen halben Orangenkeks zu sich nehmen konnte, ist mir unbekannt, aber schon eine Eierschnecke oder Buttercremetorte käme mir bei Rilke wie Schiergehacktes vor. So gab's verschiedentlich Probleme, wenn er auf diesem oder jenen Schloß weilte, etwa in Duino, wo die Köchin ob seiner Eßgewohnheiten verzweifelte, oder in Muzot, wo es ihm nur die bewährte Haushälterin Frida Baumgartner recht machen und ihn recht bekochen konnte, bevorzugter Weise wohl mit Gemüseaufläufen. Zu Rilkes Leidwesen hatte sie gelegentlich auch andere Pläne und ersetzen konnte sie keine. Wenn Du mehr herausfindest, könntest Du's ja mal mitteilen.
gruß h.