Ein herzliches Grüß Gott an alle...
Ich möchte vorausschicken: ich kenne Rilkes Werk längst nicht in seinem vollen Umfang, und schon gar nicht hab ich alle seine Briefe gelesen!
Ja, ich kann nicht einmal ganz sicher sagen, welches denn nun sein letztes Gedicht war (ist es
"Komm du, du letzter, den ich anerkenne..."?) -
Das alles wollte mir eigentlich den Mut nehmen, mich zu diesen Dingen überhaupt zu äußern. Aber ein Freund hat mir vor kurzem den Satz geschenkt:
"Dass Du Dich erst seit kurzem mit Rilke beschäftigst, ist kein Grund, warum das, was Du sagst, nicht wertvoll sein sollte."
Und deshalb schreibe ich jetzt doch!
Liebe Marie, ich danke Dir für dieses Bild, Gott hat uns Zeit und Raum geschenkt, damit wir mit unserer begrifflichen Welt spielen können --- ganz genauso empfinde ich es auch, schon lange, nur hab ich es noch nie so schön formuliert!
Und ich glaube, daß die allermeisten (vielleicht sogar alle!) Trennungen und Grenzen, die wir überall spüren, eine Konstruktion dieses "Begrifflichen" sind. Auch mir ist die allzu scharfe Trennung von "Denken" und "Fühlen" nicht nur nicht angenehm, sondern irgendwie auch gar nicht wirklich möglich...
Allerdings muß ich (leider!) einräumen, daß es etwas gibt, daß gegen mein "grenzen- und stufenloses Weltbild" zu sprechen scheint... und Du, Marie, erwähnst es sogar, wenn Du sagst, der "Quantensprung", von dem Du sprichst, ist nicht naturwissenschaftlich gemeint...
Liebe Marie, Du sagst auch noch, im Zusammenhang mit dem Ver-stand:
Entweder steht „es“, dann ist es kein Mysterium, dafür kann ich es aber betrachten, analysieren und kategorisieren. Oder es ist, was es ist,
dann hat der Verstand eben ein unüberwindliches Problem.
Ha, das ist wunderschön --- und mir fällt dabei natürlich wieder mal Erich Fried ein, und sein
Es ist, was es ist
sagt die Liebe.
Und damit kratze auch ich die Kurve zu Dir, lieber Christoph.
"Mit dem Herzen denken"... das ist ein sehr schöner Begriff, aaaaaaaaber: ist es denn dann noch das, was man mit dem Begriff "Denken" meint?
Ich denke an ein Wort von Pessoa:
Wenn das Herz denken könnte, würde es sofort stillstehen.
Als ich gestern meinen Mann (der überhaupt nichts mit Rilke anfängt

) fragte, was er unter "mit dem Herzen denken" versteht, sagte er sofort und ohne jedes Nachdenken: "Liebhaben".
So ist es auch für mich: auch ich würde "mit dem Herzen denken" als "Lieben" bezeichnen wollen.
Lieber Christoph, ich kenne Alfred Schütze nicht und habe keine Ahnung, wie er darauf kommt, etwas bei Rilke als "Denkendem" zu vermissen, was er bei ihm als "Fühlendem" in überreichem Maße zu finden scheint...
Für mich hat Rilke es
nicht am Denken fehlen lassen... denn sein Ringen um Begriffe, die ganz genau das sagen, was er ausdrücken wollte, ist doch überall in seinem Werk zu spüren, oder etwa nicht?
Ja, noch mehr: ich finde auch kein besseres Beispiel für "Herzgedanken" als gerade in seinen "Ding-Gedichten", wo er sehr, sehr schön zeigt, daß man Liebe nicht nur einem
Menschen erweisen kann (mit der ihm sehr bewußten Gefahr des "Verliebtseins", das dazu führt, daß man einander "den Himmel verstellt"), sondern auch jedem Gegenstand, Tier, abstrakten Verhältnis...
Wenn ich's mir recht überlege, dann war es wohl für Rilke sogar zunächst viel leichter, diese Art der "Herzgedanken" an den "Dingen" zu erproben... ich erinnere mich, daß er Franz Xaver Kappus dazu rät, sich zunächst den Dingen zuzuwenden und sich erst später an "Liebesgedichte" zu wagen.
Ob es Rilke schließlich gelungen ist, mit diesen "Herzgedanken" so weit zu kommen, wie er (oder wer auch immer) es sich für sein Leben vorgenommen hatte... das vermag ich natürlich nicht zu sagen.
Liebe Grüße Euch beiden, und auch allen anderen, die hier noch mitlesen!
Ingrid
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)