von helle » 25. Jan 2006, 14:19
Was ändert sich eigentlich, frage ich so in die Mittagspause, wenn man weiß, daß das Gedicht Teil einer ganzen Gruppe von Gedichten ist, und die sind an die Jungfrau Maria gerichtet?
Hat man jetzt mehr Eindeutigkeit, weil man mehr über die sogenannte Autorintention weiß und besser zu wissen glaubt, wen der Autor anspricht? Vermutlich - das "du" und "dir" und "dein" bezieht man jetzt auf die Jungfrau Maria. Der Deutungsspielraum ist also enger, was man auch als Verlust betrachten kann, aber das sind ziemlich weit reichende Fragen. Ich will nur einwenden, daß ein Gedicht sich meist nicht einfach in der Absicht seines Verfassers erschöpft, sondern am Tag seiner Veröffentlichung so etwas wie ein Eigenleben beginnt und mit dieser Veröffentlichung auch seinen Lesern gehört. Außerdem habe ich immer mal Probleme mit Texten, zu denen sozusagen eine Gebrauchsanweisung gehört und bei denen man nicht ohne Hintergrundwissen auskommt (hier: Gedicht ist Teil einer Gedichtgruppe, die an Jungfer Marie gerichtet ist).
Nun weiß ich das aber mal, und in diesem Fall ändert sich auch mein Verständnis, ob ich das will oder nicht – z.B. beim Wort "muttermatten", das mir vorher rätselhaft war. Aha, sage ich mir, Mutter Maria also, nichts Erotisches, Schönheit und Lächeln, alles politisch korrekt. Und dann sage ich mir schnell noch, da meine Minuten verrinnen, aber genau das kündigt der Autor ja wohl auf. Er will ja lieber die Farbe rot. Und dabei erinnere ich mich an die Worte von Gliwi: "Die weißen Beete sind die unschuldigen, die roten die der Liebe und des Lebens. Könnte heißen, er will jetzt nicht mehr nur platonisch lieben und verehren, sondern konkret. Deswegen lässt er die "muttermatte" im weißen Beet stehen und wendet sich dem roten - der körperlichen Liebe - zu."
Das wäre ja dann aber gerade unter der Marien-Perspektive zutreffend. So weit daneben liegt das also nicht, wie Denis meint. Das Verstehen kann auch richtig sein, wenn die Voraussetzung nicht mitgeliefert wird. Und das beruhigt doch irgendwie
helle