Rilke und die jüdische Seele

Allgemeine Fragen zu geistigen Interessen

Moderatoren: sedna, Barbara, Thilo

Rilke und die jüdische Seele

Beitragvon lilaloufan » 3. Mai 2006, 17:07

Ich habe eben mal in der Forum-Suche gestöbert, ob hier schon einmal ein Gespräch über Rilkes Verhältnis zur jüdischen Kultur - nein: zum jüdischen Menschen, zum [horribile dictu] jüdischen Volksschicksal - gewagt wurde.

Mich hat vor Jahren Rilkes Brief an Ilse Blumenthal-Weiß sehr beschäftigt. Hier ein Auszug: «Sie wissen aus einem meiner früheren Briefe [(…); gemeint ist der vom 28.XII.1921 <l.>], wie sehr mir der Jude - neben dem Araber und dem orthodoxen Russen, um nicht weiter in den Orient zu weisen - bevorzugt scheint durch die in ihm eingeborene Einheit von Nationalität und Religion, die ihm einen immer wieder offenbaren Vorsprung sichert. Dass er unter sich den Boden verloren hatte und auf einem Stück Leih-Erde sich halten musste, hat sein Gutes und sein Arges; er hat, von wenigen großen Ausnahmen abgesehen, seine avantages missbrauchen müssen, um im Bestrittenen und Bodenlosen zu überstehen, - er hat meistens sich missbraucht und die anderen. Er hat mit einer List, zu der ihn die Selbsterhaltung erzog, sein Unbefestigtsein aus einem Unglück in eine Überlegenheit gewandelt, und wo er etwa diese teuer erkaufte Überlegenheit kleinlich, habgierig und feindselig missbraucht, wo er sich - unwillkürlich - rächt, da ist er zum Schädling, zum Eindringling, zum Auflöser geworden. Wo aber der gleiche Vorgang, das gleiche dem Schicksal abgewonnene Überstehen in einem groß entschlossenen Wesen sich vollzog, da ist aus denselben Unerbittlichkeiten jene Herrlichkeit entstanden, für die Spinoza ein berühmtes Beispiel wäre. - Die Mobilität und Versetzbarkeit des inneren Zentrums, seine Unabhängigkeit (aber zugleich Wurzellosigkeit, wenn nicht die Besinnung bis zur Wurzel in Gott hinunterführt) - der eigentlich transportable Geist ist durch das Schicksal des Juden in die Welt gekommen: eine unerhörte Gefahr und eine unerhörte Freiheit der Bewegung. Und je nachdem man die eine oder andere Seite dieses jüdischen Auswegs betont, wird man ihn fürchten oder rühmen müssen; wobei bestehen bleibt, dass das durch ihn Bewirkte uns allen schließlich unentbehrlich ist, nicht wegzudenken und nicht wegzuwollen. Vielleicht muss dieses Ferment, wenn es lange genug gewirkt hat, wieder zurückgezogen und in seinem eigensten Gefäß gesammelt werden. Die aus rein jüdischem Impuls stammende zionistische Besinnung wäre ein Anfang zu dieser, vermutlich gebotenen Austrennung. Diese Wiedererwerbung des alten einstigen Bodens, diese neue Bodenständigkeit, wird dann ebenso wörtlich wie symbolisch aufzufassen und auszulegen sein. Wenn wir, was wahrscheinlich ist, das jüdische Volk nur in seinen Entstellungen kannten, in seiner Ratlosigkeit, in seinem abgebogenen und zuweilen schrägen Eigensinn, und wenn wir ein Maß der Kraft aus seinem Überstehen abnehmen, so erschreckt uns erst die Vorstellung der Stärke, die es aus sich aufbringen müsste, als ein Eingesetztes, Gewährtes, Begünstigtes! - Das Wachstum dieser selbst in ihrem Ausgerissensein so fruchtbaren Menschen käme dann zu einer unaufhaltsamen Fruchtbarkeit in Gott -, die Fortsetzung jener Geschichte leidenschaftlicher und gewichtiger Ernten, die uns das Alte Testament, wo immer wir es aufschlagen, zum Ereignis, zum Klima macht.»

Wisst ihr, wie solche Gedanken Rilkes zwei Jahrzehnte später aufgenommen wurden (die Briefe aus Muzot wurden von den Siebers 1937 bei Insel herausgegeben!), auf beiden Seiten sozusagen? Ob sie - wie vieles andere - ideologisch nach Gutdünken und Willkür benutzt, missbraucht, wurden?

Für mich erhellen sie unübertrefflich eine Psychologie der Migrationsschicksale auch unserer Zeit. Was meint ihr, gehe ich da zu weit - also das meint: weiter als Rilke es meint?
Wir sind die Bienen des Unsichtbaren.
Benutzeravatar
lilaloufan
 
Beiträge: 766
Registriert: 18. Apr 2006, 18:05
Wohnort: Otzberg (Südhessen)

Beitragvon stilz » 5. Mai 2006, 09:59

Hallo lilaloufan,

danke für dieses posting!!!

Das ist ein sehr interessanter Brief, der mich an einer spannenden Stelle berührt, auch weil er einiges ausdrückt, was ich selber schon irgendwann mal vage gefühlt oder gedacht, aber nie so ganz klar und formulierbar gemacht habe...
Ich habe leider keine Antwort auf Deine Frage, ob diese Gedanken von irgendwem "instrumentalisiert" wurden...
Aber ich möchte mal so aus dem Bauch raus auf Deine zweite Frage antworten, bezüglich der Psychologie der Migrationsschicksale:
Meiner Meinung nach gehst Du nicht weiter, als Rilke meinte!

Lieben Gruß

stilz
stilz
 
Beiträge: 1053
Registriert: 26. Okt 2004, 10:25
Wohnort: Klosterneuburg


Zurück zu Rilke und Philosophie, Kunst, Psychologie, ...

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast