Archäischer Torso Apollos

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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Archäischer Torso Apollos

Beitragvon ute66 » 29. Jun 2007, 21:26

Nachdem Rilke den Torso Apollos in seiner einzigartigen Art und Weise beschrieben hat, stehn zum Schluss die Worte: Du musst dein Leben ändern. Wie schafft er diesem Zusammenhang?


Archaïscher Torso Apollos

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.


Aus: Der neuen Gedichte anderer Teil (1908)
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Beitragvon stilz » 2. Jul 2007, 10:58

Liebe Ute,

das ist ein ganz herrliches Gedicht, finde ich.
Es sagt mir persönlich sehr viel.

Für mich geht es in diesem Gedicht um Bewußtheit, auf mehreren Ebenen.
Da ist - sozusagen in "historischer Reihenfolge" - zunächst Apoll selbst. Der Sonnengott. Der mit seinem Licht alles erhellt.

Dann ist da die Bewußtheit des Künstlers, der die Statue geschaffen hat. Ohne sein genaues bewußtes Wahrnehmen (inneres Wahrnehmen, denn so einfach konnte man Apoll ja nicht von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen) und Wiedergeben gäbe es weder den Torso noch das Gedicht. Und dieser antike Künstler wurde dem, den er darstellte, gerecht: es gibt an dieser Statue nichts "Ungefähres", sondern alles ist genau und klar und hell modelliert, es gibt nichts, das sich "schämt", wahr-genommen und gezeigt zu werden...

(Ich weiß nicht: ob es dieser Torso war, der Rilkes Gedicht zu Grunde liegt? Jedenfalls finde ich in diesem Bild sehr schön alles, was Rilke in der zweiten Strophe schildert.)

Und dann Rilke, der den Torso bewußt wahrnimmt, und seine Wahrnehmung dann in seine eigene künstlerische Sprache übersetzt, die des Dichters.
Und der weiß, daß es ein Torso ist, der einmal "ganz" war, und dem auch bewußt ist, daß es Apoll ist, den diese Statue darstellt... und der noch in diesem Torso das Licht des Apoll wahrnehmen kann, und der auch fühlt, was dieses Licht nicht nur am Stein der Statue, an der Oberfläche des Leibes, sondern auch im Inneren, im eigenen Bewußtsein, bewirkt.

Und dieser Funke des apollinischen Lichtes springt auf die Leser dieses Gedichts über, und betroffen lassen wir die Worte in unsere Herzen dringen:
...denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht.


Du wirst gesehen, gleich wo Du bist, es gibt keine einzige Stelle, die Dich nicht sieht... denn Du selbst, mit dem apollinischen Licht Deines eigenen Bewußtseins erfüllt, bist es, der Dich sieht, und dem nichts verborgen bleibt...

Und deshalb ist es für mich nur logisch, daß Rilke nicht etwa schreibt: Du sollst dein Leben ändern.
Nein.
Du mußt dein Leben ändern.
Du hast gar keine Wahl. Was einmal erleuchtet war und gesehen wurde, das kann nie wieder dunkel und verborgen werden.
Du mußt nun so leben, daß Du es ertragen kannst, in diesem Licht gesehen zu werden...



Ich habe übrigens mit der Antwort gezögert, denn es ist viel mehr von meiner eigenen Lebensgeschichte in meine Sichtweise eingeflossen als von einer fundierten Beschäftigung mit Rilke --- es kann ganz leicht sein, daß Experten mir widersprechen würden... (@ helle: das soll kein "Rückzieher" sein :wink: !) - aber da sich bisher niemand dazu gemeldet hat, möchte ich es nun doch tun.


Und ich möchte noch etwas erwähnen, auf das ich aufmerksam wurde durch Alfred Schütze: Rainer Maria Rilke. Ein Wissender des Herzens, das ein Freund mir kürzlich zugänglich gemacht hat:
Der "Archaische Torso" steht am Beginn des "Anderen Teils" der "Neuen Gedichte".
Und auch der erste Teil der "Neuen Gedichte" beginnt mit Apoll...
Rilke schien das also auch für sich persönlich zu empfinden, den Zusammenhang des Lichtes des Sonnengottes mit dem "Neuen" in seiner Kunst...


Lieben Gruß!

stilz
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Archäischer Torso Apollos

Beitragvon ute66 » 23. Jul 2007, 20:11

Entschuldigung, liebe stilz,dass ich erst jetzt reagiere, ich war im Urlaub. U.a. war ich in Paris, im Rodin-Museum und hab Rodins Figuren auf mich wirken lassen. Es gehört neben der Ausdruckskraft des Objekes und der des Künstlers auch die Aufmerksamkeit des Betrachters, die die Skulpturen zu sich sprechen lässt. Mir ist das nicht gelungen. Ich denke, so wie Rilke den Torso des Apollon beschreibt, hat er sich völlig davon ansprechen lassen und hat förmlich gesehen, wie Apollon ihn anblickt, auch ohne Kopf. Und wenn man sich ganz und gar erkannt fühlt, dann sieht man sein Leben in einem anderen Licht und dann muss man etwas ändern. Rilke muss beim Anblick des Torso so gefühlt haben. Mit "Du musst dein Leben ändern" meinte er in erster Linie wohl sich selbst.

Danke für deine Gedanken zum Gedicht, sie haben mir das Gedicht viel näher gebracht und mich angeregt, mich damit näher zu beschäftigen, als es einfach nur schön zu finden.

Gruß, Ute
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