Liebe Ute,
das ist ein ganz herrliches Gedicht, finde ich.
Es sagt mir persönlich sehr viel.
Für mich geht es in diesem Gedicht um
Bewußtheit, auf mehreren Ebenen.
Da ist - sozusagen in "historischer Reihenfolge" - zunächst Apoll selbst. Der Sonnengott. Der mit seinem Licht
alles erhellt.
Dann ist da die Bewußtheit des Künstlers, der die Statue geschaffen hat. Ohne sein genaues bewußtes Wahrnehmen (
inneres Wahrnehmen, denn so einfach konnte man Apoll ja nicht von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen) und Wiedergeben gäbe es weder den Torso noch das Gedicht. Und dieser antike Künstler wurde dem, den er darstellte, gerecht: es gibt an dieser Statue nichts "Ungefähres", sondern alles ist genau und klar und hell modelliert, es gibt nichts, das sich "schämt", wahr-genommen und gezeigt zu werden...
(Ich weiß nicht: ob es
dieser Torso war, der Rilkes Gedicht zu Grunde liegt? Jedenfalls finde ich in diesem Bild sehr schön alles, was Rilke in der zweiten Strophe schildert.)
Und dann Rilke, der den Torso bewußt wahrnimmt, und seine Wahrnehmung dann in seine eigene künstlerische Sprache übersetzt, die des Dichters.
Und der weiß, daß es ein Torso ist, der einmal "ganz" war, und dem auch bewußt ist, daß es
Apoll ist, den diese Statue darstellt... und der noch in diesem Torso das Licht des Apoll wahrnehmen kann, und der auch fühlt, was dieses Licht nicht nur am Stein der Statue, an der Oberfläche des Leibes, sondern auch im Inneren, im eigenen Bewußtsein, bewirkt.
Und dieser Funke des apollinischen Lichtes springt auf die Leser dieses Gedichts über, und betroffen lassen wir die Worte in unsere Herzen dringen:
...denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht.
Du wirst gesehen, gleich wo Du bist, es gibt keine einzige Stelle, die Dich nicht sieht... denn
Du selbst, mit dem apollinischen Licht Deines eigenen Bewußtseins erfüllt, bist es, der Dich sieht, und dem nichts verborgen bleibt...
Und deshalb ist es für mich nur logisch, daß Rilke nicht etwa schreibt: Du
sollst dein Leben ändern.
Nein.
Du mußt dein Leben ändern.
Du hast gar keine Wahl. Was einmal erleuchtet war und gesehen wurde, das kann nie wieder dunkel und verborgen werden.
Du mußt nun so leben, daß Du es ertragen kannst, in diesem Licht gesehen zu werden...
Ich habe übrigens mit der Antwort gezögert, denn es ist viel mehr von meiner eigenen Lebensgeschichte in meine Sichtweise eingeflossen als von einer fundierten Beschäftigung mit Rilke --- es kann ganz leicht sein, daß Experten mir widersprechen würden...
(@ helle: das soll kein "Rückzieher" sein
!) - aber da sich bisher niemand dazu gemeldet hat, möchte ich es nun doch tun.
Und ich möchte noch etwas erwähnen, auf das ich aufmerksam wurde durch
Alfred Schütze: Rainer Maria Rilke. Ein Wissender des Herzens, das ein Freund mir kürzlich zugänglich gemacht hat:
Der "Archaische Torso" steht am Beginn des "Anderen Teils" der "Neuen Gedichte".
Und auch der erste Teil der "Neuen Gedichte" beginnt mit Apoll...
Rilke schien das also auch für sich persönlich zu empfinden, den Zusammenhang des Lichtes des Sonnengottes mit dem "Neuen" in seiner Kunst...
Lieben Gruß!
stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)