Spaziergang

Rilke-Texte gesucht und gefunden

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Mona
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Spaziergang

Beitrag von Mona » 1. Jul 2007, 13:53

Hallo,

suche ein Rilke Gedicht zum Spaziergang ( vom Wandern, von Ferne und Heimat). Es müsste sich wohl um eines seiner frühen :wink: Gedichte handeln.

Mona :lol:
"Wie man sich lange über die Bewegung der Sonne getäuscht hat, so täuscht man sich immer noch über die Bewegung des Kommenden. Die Zukunft steht fest,... wir aber bewegen uns im unendlichen Raume."(RMR)

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Anna B.
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Beitrag von Anna B. » 7. Jul 2007, 09:10

Hallo,


Spaziergang

Schon ist mein Blick am Hügel, dem besonnten,
dem Wege, den ich kaum begann, voran.
So faßt uns das, was wir nicht fassen konnten,
voller Erscheinung, aus der Ferne an —

und wandelt uns, auch wenn wirs nicht erreichen,
in jenes, das wir, kaum es ahnend, sind;
ein Zeichen weht, erwidernd unserm Zeichen ...
Wir aber spüren nur den Gegenwind.

Ob wohl jemand diesen Weg schon einmal gegangen ist, den Rilke hier 1924 in Muzot beschreibt ?! Bestimmt ist der Weg auch in übertragenem Sinne begehbar !

Anna :lol:
"anna blume... man kann dich auch von hinten lesen... du bist von hinten wie von vorne: "a-n-n-a." (kurt schwitters)

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lilaloufan
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Re: Spaziergang

Beitrag von lilaloufan » 18. Nov 2013, 07:38

Guten Morgen Anna

und guten Morgen in die derzeit etwas schweigsam gewordene Runde,

wirklich, in Muzot! Sollte es nicht ein „Feldweg“ sein im allgemeinsten Sinne; ich meine gar, ich sei heut’ in der Morgenfrühe ebenda gelaufen um meinen Restvulkan herum. Dabei ist mir Deine Bemerkung eingefallen: „Bestimmt ist der Weg auch in übertragenem Sinne begehbar!“

Annähernd übereinzustimmen mit dem, der »wir, kaum es ahnend, sind«, das ist mir seit meiner allerersten Schiller-Lektüre immer wieder rätselhaftes Thema geworden – und auch Du strahlst ja Zuversicht ab, dass es einen trittsicheren Pfad gibt. – Mag jemand darstellen, was Rilke hier aphoristisch anregt?

Ich frag’ das, weil ich seit meinem Spaziergang ganz unsicher geworden bin: Propagiert die Aussage dieses Gedichts wirklich den Hinblick zum Horizont, zu den idealischen Visionen und moralischen Tugenden – oder doch eher das ruhende Interesse für die unscheinbaren „Dinge“ links und rechts der allerersten Schritte auf dem noch kaum begonnenen Weg, Interesse für das, was vor unserer Nase Zeichen gibt und nach uns ruft? ('s ist ja nicht Goethe, 's ist Rilke…) Will es überhaupt „im übertragenen Sinne“ gelesen sein, oder zeigt es vielmehr auf, wie gerade die allerkonkreteste sinnliche Erfahrung sich eignet zur Projektion ins Sinnhafte.

[Die Wirkung im Leser kann bei beiden Lesarten dieselbe sein, aber im Prozess
• beim Lesen „im übertragenen Sinne“ liegen ästhetische Hauptaktivität und ethische Verantwortung beim Dichter, während ich hier
• nach einem eratmend aufnehmenden Lesen dessen, was da steht mich aufgerufen fühle, eine Aussage „im übertragenen Sinne“ ganz individuell neu zu schaffen, die ich nicht dem Dichter zuschreiben darf, die gleichwohl sich nicht willkürlich von dem entfernen wird, was er als Künstler sah und als Künstler in Worte geprägt hat.]

l.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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lilaloufan
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Re: Spaziergang – ein P.S.

Beitrag von lilaloufan » 18. Nov 2013, 08:03

P.S.: Ich hab’ gerade bei Jacob Steiner einen schönen Kommentar zu diesem Gedicht gefunden:

»Im Spätwerk bekundet sich die Meisterschaft [Rilkes], alles licht und transparent werden zu lassen. Im Unscheinbaren leuchtet unversehens Bedeutung auf, so etwa wenn im Wandern die Anverwandlung der Landschaft als die Verwandlung des Wandernden gedacht ist und Zeit und Raum in relativem Bezug eins werden. (…) Natur- und Selbsterlebnis fallen anmutig zusammen. Das Alltägliche führt zur Erkenntnis menschlichen Wesens. Alles ist voller Wink. Und doch treten wir auf dem Spazierweg nie über das Hiesige hinaus. Mit leisem Nachdruck kehrt der letzte Vers zur reinen, durchsonnten Immanenz zurück.«

Das steht in dem von H. Steinecke herausgegebenen Sammelband: „Deutsche Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts“, 1994 (Erich Schmidt-Verlag Berlin).
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

vivic
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Re: Spaziergang

Beitrag von vivic » 23. Nov 2013, 18:24

Freunde, es ist erfreulich wieder einmal etwas Neues hier im Forum zu lesen; ich hoffe dass der Appetit an Rilke-Diskussion wieder erwacht, und ueber dem Lesen sich anwaermt, meinem erkuehnten Gefuehl ... nu ja, da schleicht sich Rainer schon wieder in meine Worte hinein!

Zum Spaziergang: der kleine Teil der Zukunft den wir von der Gegenwart aus sehen veraendert uns; wir sind innerlich angezogen von diesem Blick, von dieser Hoffnung. Was wir eines Tages sein koennten zieht uns an.

Es ist ein froehliches Gedicht. Rilke erwaehnt hier nicht dass der Wanderweg auch ins Dunkele fuehren kann, und dass wir uns auch fuerchten koennen. (Davon hatte er damals schon genug.)

Ein Vorschlag fuer die Wiedergeburt des Forums: koennten wir uns nicht eine gemeinsame Aufgabe geben, zum Beispiel eines der Buecher Rilkes gruendlich und gemaechlich durchzuwandern? Erst einmal spezifische Fragen ueber Bedeutung zu stellen, uns gegenseitig zu helfen? Langsam voran, eine Strophe nach der anderen? Koennte ja das Stundenbuch sein, oder Das Buch der Bilder, oder (mit genuegend Mut) sogar die Elegien?

Sedna, Lilaloufan, Stilz, Barbara, Thilo? Habt einige von euch dafuer Interesse? Ich wuerde gerne mitmachen, habe aber nicht die Faehigkeit so etwas zu leiten.

Gruesse an alle...

Vivic
Aber noch ist uns das Dasein verzaubert; an hundert Stellen ist es noch Ursprung.

stilz
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Re: Spaziergang

Beitrag von stilz » 25. Nov 2013, 14:15

Grüß Gott in die Runde, und danke, (liebe Anna) lieber lilaloufan, fürs „Wiederanknüpfen“!

Mit der Frage, wie dieses Gedicht zu lesen sei, will ich mich zuerst an Rilke selbst wenden. Das gelingt in diesem Fall sogar, mithilfe der wunderbaren Rilke-Chronik*) - ich finde hier, daß dieses Gedicht Anfang März 1924 in Muzot entstanden ist (der Spazierweg, der den Anlaß dazu bot, findet sich also wohl wirklich in Muzot), und ich erfahre auch noch, daß Rilke es am 19. März gemeinsam mit einigen anderen Gedichten an Katharina Kippenberg sendet, für den „Insel-Almanach“.
Und er schreibt dazu: »Ich zögerte nicht, etwas >Leichteres< zu wählen, wie mir das immer für das weite Herumkommen des Jahrbuchs am angemessensten scheint.«

Das deckt sich mit meinem Empfinden beim Lesen des Gedichtes: ich habe nicht den Eindruck, daß man es nicht ganz direkt, sondern nur „im übertragenen Sinn“ lesen kann; ich habe auch nicht den Eindruck, daß Rilke hier etwas „propagiert“, daß er dem Leser vorschlägt, er „solle“ einen Weg in bestimmter „Gedankenabsicht“ gehen.
Sondern er macht darauf aufmerksam, wie es sich tatsächlich verhält.
Zunächst bei einem konkreten Spaziergang (der besonnte Hügel ist meiner Ansicht nach nicht ein erfundener, sondern ein in der Wirklichkeit vorhandener, und Rilke ist wirklich dort spazierengegangen): der Blick ist dem Weg, den die Füße beschreiten, „voraus“. Dieser „Blick zum Ziel hin“ bewirkt ein „Erscheinen des Ziels in der Ferne“ --- und dadurch erst „wissen“ die Füße, wohin sie gehen wollen. Dabei ist mit „Ziel“ nicht unbedingt das „Endziel“ gemeint (denn das ist uns auf einem Spaziergang ja oft verdeckt, vor allem in den Bergen), sondern es genügt uns dafür auch ein „Etappenziel“, eine „Wegmarke“.

Das Besondere ist, daß Rilke auf diesen ganz alltäglichen und oft ziemlich unbewußten Vorgang aufmerksam wird.
Und er erkennt, daß ein ähnliches „Bestimmen des Weges vom Ziel her“ auch in unserem „Lebensgang“ aufzufinden ist.
Freilich gelingt es uns hier in den meisten Fällen wohl nicht, das „Endziel“ klar vor uns zu sehen. Aber auch im Leben „erscheinen“ uns „Wegmarken“ in der Ferne, die uns manchmal auch „anfassen“ und dann in eine bestimmte „Richtung“ weiterleben lassen.
Und wie oft gelingt es uns nicht, ein solches „Anfassen“ als ein Zeichen zu nehmen, eine bestimmte Richtung einzuschlagen --- sondern wir mißverstehen es als ein Hindernis auf unserem Wege. Wir spüren nur den „Gegenwind“...
@ vivic: an dieser Stelle finde ich doch, daß Rilke erwähnt, daß wir uns auch „fürchten“ können – allerdings stellt er ein solches „Fürchten“ gewissermaßen als ein Mißverständnis dar...

Ich denke dabei auch an:
  • Ein Frühlingswind

    Mit diesem Wind kommt Schicksal; laß, o laß
    es kommen, all das Drängende und Blinde,
    vor dem wir glühen werden -: alles das.
    (Sei still und rühr dich nicht, daß es uns finde.)
    O unser Schicksal kommt mit diesem Winde.

    Von irgendwo bringt dieser neue Wind,
    schwankend vom Tragen namenloser Dinge,
    über das Meer her was wir sind.

    .... Wären wirs doch. So wären wir zuhaus.
    (Die Himmel stiegen in uns auf und nieder.)
    Aber mit diesem Wind geht immer wieder
    das Schicksal riesig über uns hinaus.

- - - und natürlich denke ich an unsere früheren Gespräche über Rilkes Begriff von „Schicksal“...


@ lilaloufan: Ja. auch für mich macht dieses Gedicht darauf aufmerksam, »wie gerade die allerkonkreteste sinnliche Erfahrung sich eignet zur Projektion ins Sinnhafte.«
Und dabei wiederum denke ich an den Prozeß der Verwandlung des Erlebnisses zum Kunstwerk, den Rilke immer wieder vollzieht - hier hast Du darauf aufmerksam gemacht:

«Aber ich frage mich oft, ob nicht das an sich Unbetonte den wesentlichsten Einfluss auf meine Bildung und Hervorbringung ausgeübt hat: (…) die Stunden, die ich zubringen konnte, in Rom einem Seiler zuschauend, der in seinem Gewerb eine der ältesten Gebärden der Welt wiederholte, … genau wie jener Töpfer, in einem kleinen Nil-Dorf, neben dessen Scheibe zu stehen mir unbeschreiblich, in einem geheimsten Sinne ergiebig war.» Das ist aus einem Brief an Alfred Schaer, 26.II.1924. - «Drum zeig ihm [dem Engel] das Einfache, das von Geschlecht zu Geschlechtern gestaltet | als ein Unsriges lebt, neben der Hand und im Blick. | Sag ihm die Dinge. Er wird staunender stehn; wie du standest | bei dem Seiler in Rom, oder beim Töpfer am Nil. | Zeig ihm (…)»; diese Passage aus der IX. Elegie endet ja mit: «Wer wir am Ende auch seien.»



Herzlichen Gruß,

Ingrid

---

*) Die wunderbare Rilke-Chronik.
Sie gibt uns eine Übersicht über das, was uns geblieben ist von Rainer Maria Rilke.
Und sie ist gleichzeitig auch etwas, das uns geblieben ist von unserem an Jahren wohl ältesten Forumsmitglied... „unsere“ Renée, Frau Dr. Renate Scharffenberg, ist uns im Sommer dorthin vorausgegangen, wo „ein Glückliches fällt“.
Zuletzt geändert von stilz am 26. Nov 2013, 23:02, insgesamt 3-mal geändert.
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Re: Spaziergang

Beitrag von stilz » 25. Nov 2013, 14:16

P.S.: Lieber vivic, vielen Dank für Deine Anregung!
Ich wäre sehr gern „dabei“. Aber meinst Du wirklich, wir brauchen einen „Leiter“?

Ich werde jedenfalls in den nächsten Tagen einen thread eröffnen zu einem „Gedichtzyklus“, der mir gerade am Herzen liegt, und den ich sehr gern gemeinsam mit Euch „gründlich und gemächlich durchwandern“ würde.
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Re: Spaziergang

Beitrag von lilaloufan » 27. Nov 2013, 14:11

stilz hat geschrieben:Das Besondere ist, daß Rilke auf diesen ganz alltäglichen und oft ziemlich unbewußten Vorgang aufmerksam wird.
Und er erkennt, daß ein ähnliches „Bestimmen des Weges vom Ziel her“ auch in unserem „Lebensgang“ aufzufinden ist.
Ja, genau dieserart Aufmerksamwerden war es, das ich immer wieder versuche auch mir zu eigen zu machen, als Seh-Amateur gewissermaßen.

Wer erinnert sich übrigens noch an die Radio-Kontroversen mit Heißenbüttel in den wilden 70-ern, nachdem die SDS-Gruppe „Kultur und Revolution“ im ZEIT-Feuilleton eine lange Aufsatzwelle „Kunst als Ware der Bewusstseinsindustrie“ angestoßen hatte und Walter Benjamins Aufsatz: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit“ dreieinhalb Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung neu disputiert wurde! Benjamin hatte ja mit einem ganz gleichlautenden Erlebnis seinen kunsttheoretischen „materialistischen“ Aurabegriff illustriert: »An einem Sommernachmittag ruhend einem Gebirgszug am Horizont oder einem Zweig folgen, der seinen Schatten auf den Ruhenden wirft - das heißt die Aura dieser Berge, dieses Zweiges atmen.«

l.
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