Der Fremde

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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helle
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Der Fremde

Beitrag von helle » 6. Mär 2020, 15:47

Der Fremde

Ohne Sorgfalt, was die Nächsten dächten,
die er müde nichtmehr fragen hieß,
ging er wieder fort; verlor, verließ -.
Denn er hing an solchen Reisenächten

anders als an jeder Liebesnacht.
Wunderbare hatte er durchwacht,
die mit starken Sternen überzogen
enge Fernen auseinanderbogen
und sich wandelten wie eine Schlacht;

andre, die mit in den Mond gestreuten
Dörfern, wie mit hingehaltnen Beuten,
sich ergaben, oder durch geschonte
Parke graue Edelsitze zeigten,
die er gerne in dem hingeneigten
Haupte einen Augenblick bewohnte,
tiefer wissend, daß man nirgends bleibt;
und schon sah er bei dem nächsten Biegen
wieder Wege, Brücken, Länder liegen
bis an Städte, die man übertreibt.

Und dies alles immer unbegehrend
hinzulassen, schien ihm mehr als seines
Lebens Lust, Besitz und Ruhm.
Doch auf fremden Plätzen war ihm eines
täglich ausgetretnen Brunnensteines
Mulde manchmal wie ein Eigentum.

Aus: Der neuen Gedichte anderer Teil

***

Ich sprach mit einer Freundin über das Gedicht und wir sind unterschiedlicher Meinung über den Passus

"Denn er hing an solchen Reisenächten

anders als an jeder Liebesnacht.
Wunderbare hatte er durchwacht,"

- unser Gespräch war ausführlicher, es konzentriert sich im Moment auf die Frage, welchen grammatischen Bezug das Adjektiv "wunderbare" hat. Sind wunderbare Reisenächte, wunderbare Liebesnächte oder, bewußt, beide Aspekte der Nacht gemeint? Formal spricht der Plural für Reisenächte, die Strophenzugehörigkeit für die Liebesnächte, aber beides bedürfte natürlich der semantischen Unterstützung, der Darstellung der inneren Logik des Gedichts. Ich tendiere zu den Reisenächten, das war mein erstes, noch durchaus unbekümmertes Verständnis, aber einige Beobachtungen meiner Freundin, die viel stärker agonale und erotische Motive darin findet, lassen mir die dritte Möglichkeit mindestens plausibel erscheinen.

Wie sehen es andere?

Grüße, h.

palena
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Re: Der Fremde

Beitrag von palena » 7. Mär 2020, 19:52

Hallo h.,

ich hab es beim ersten und zweiten Durchlesen auch auf die Reisenächte bezogen; aber deine Freundin könnte durchaus recht haben.
"Enge Fernen auseinanderbeigen" und "wie eine Schlacht" hat durchaus erotische Konnotation.
Tatsächlich glaube ich auch, dass dass ein wirklilch intelligenter Kniff ist und beide Nächte gemeint sind.


"Wunderbare hatte er durchwacht,
die mit starken Sternen überzogen
enge Fernen auseinanderbogen
und sich wandelten wie eine Schlacht;"

helle
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Re: Der Fremde

Beitrag von helle » 8. Mär 2020, 12:17

hallo palena,

danke für die Antwort. Wie interpretierst Du "enge Fernen auseinanderbogen"? Das wäre tatsächlich eine ganz symptomatische Wendung für unseren Dissenz.

helle

stilz
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Re: Der Fremde

Beitrag von stilz » 23. Mär 2020, 21:31

Hallo helle und palena,

auch ich hatte es beim ersten, und auch noch beim zweiten, Lesen als Schilderung der Reisenächte verstanden.
Dann habe ich palenas Antwort gelesen und helles Frage - und heute lese ich es zum dritten Mal.

Für mich sind es noch immer die Reisenächte, die hier geschildert werden, und auf die sich das Adjektiv Wunderbare bezieht.

"enge Fernen auseinanderbogen" - diese Empfindung kenne ich vom Bergwandern:
Ich blicke auf den Gipfel, er scheint eigentlich gar nicht so sehr fern zu sein, bald werde ich ihn erreicht haben...
Ich beginne zu gehen - und der Gipfel kommt und kommt nicht näher. Er scheint sich, während ich gehe, "wegzubiegen"...

Ich frage außerdem noch: Wie versteht Ihr "und sich wandelten wie eine Schlacht"?
Ich denke dabei an den morgendlichen "Sieg" der Sonne über die Finsternis...

Die erotische Konnotation will ich nicht leugnen, ich finde sie sogar noch stärker in der nächsten Strophe, in den Nächten, die mit in den Mond gestreuten Dörfern sich ergaben.

Und dann heißt es in der letzten Strophe:
Und dies alles immer unbegehrend
hinzulassen,


Könnte es nicht sein, daß gerade das der Unterschied ist zu den Liebesnächten, also der Grund dafür, daß er an den Reisenächten anders hing?

(... und schon sind wir wieder bei der Rose, und bei der intransitiven Liebe ...)

Herzlichen Gruß,
stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

helle
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Re: Der Fremde

Beitrag von helle » 24. Mär 2020, 12:51

Für mich läuft die Auslegung darauf hinaus, inwieweit die erotischen Anspielungen u. Konnotationen unbewußt oder nur zum geringeren Teil beabsichtigt sind. Man kann nämlich von Rilke dies und jenes denken, seine von mir so empfundenen Schattenseiten habe ich hier, nicht zu jedermanns Freude, manchmal ja auch angesprochen, aber er brauchte seinen Gedichten keine irgendwie versteckten sexuellen Anspielungen zu geben, vielmehr hat er Verse geschmiedet, die an Deutlichkeit wahrhaft wenig zu wünschen übrig lassen (http://rainer-maria-rilke.de/100190siebengedichte.html).

Obwohl auch für Dich, wie Du schreibst, es »noch immer die Reisenächte sind, die hier geschildert werden, und auf die sich das Adjektiv Wunderbare bezieht«, geben interessanter Weise zwei Deiner Hinweise auch der anderen Lesart Recht: Zum einen das »sich ergaben« – das hatte meine Freundin auch bemerkt und es darüber hinaus mit der »Schlacht« in Verbindung gebracht – vom Wortfeld her stimmig, obwohl diese ›Schlacht‹ ja vielleicht auch meteorologisch verstanden werden kann, als Kampf zwischen dunkel und hell oder kalt und warm oder beidem, als wechselndes Himmelsspiel.

Und zum anderen liegt in der Wendung »Und dies alles immer unbegehrend/ hinzulassen« natürlich auch das Wissen um das Begehren, und Rilkes i.d.R. eher im Wort thematisierte als in der Tat realisierte Vorstellung einer besitzlosen Liebe macht die Sache nicht leichter.

Danke, stilz, schöne Grüße,
helle

stilz
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Re: Der Fremde

Beitrag von stilz » 24. Mär 2020, 21:16

Lieber helle,

die erotischen Konnotationen, die ich im ganzen Gedicht sehe - im "sich ergaben" oder im "unbegehrend hinzulassen" stärker noch als in der "Schlacht" - halte ich nicht für "unbewußt oder nur zum geringeren Teil beabsichtigt", ganz im Gegenteil.
Sie sind notwendig für die Gegenüberstellung von "Liebesnächten" und "Reisenächten" , die das Gedicht ja ganz ausdrücklich zum Thema macht:
Denn er hing an solchen Reisenächten
anders als an jeder Liebesnacht.


Ich lese also etwa:

Ohne Sorgfalt, was die Nächsten dächten, ... ging er wieder fort; verlor, verließ -.
--- im Gegensatz zu den Liebesnächten, da solche Sorgfalt angebracht erscheint (bzw vom Partner meist eingefordert wird).

Wie wunderbar, die in den Mond gestreuten Dörfer, oder die geschonten Parke mit ihren grauen Edelsitzen zu bewohnen, nur für einen Augenblick, und nur in dem hingeneigten Haupte, ohne jede (in Liebesnächten selbstauferlegte oder vom anderen eingeforderte) Verpflichtung zu bleiben...

Wie wunderbar auch, bei dem nächsten Biegen wieder Wege, Brücken, Länder liegen zu sehen, ja sogar auch Städte, die man übertreibt ( :wink: ähnlich vielleicht stark geschminkten und herausgeputzten Damen im anderen Bezug der Erotik) --- das alles zu sehen und immer unbegehrend hinzulassen

Bei den letzten Zeilen:
  • Doch auf fremden Plätzen war ihm eines
    täglich ausgetretnen Brunnensteines
    Mulde manchmal wie ein Eigentum.
denke ich an diese Stelle (inbesondere die von mir fett hervorgehobenen Zeilen) aus dem "Malte Laurids Brigge":
  • »Du, der ichs nicht sage, daß ich bei Nacht
    weinend liege,
    deren Wesen mich müde macht
    wie eine Wiege.
    Du, die mir nicht sagt, wenn sie wacht
    meinetwillen:
    wie, wenn wir diese Pracht
    ohne zu stillen
    in uns ertrügen?
    «


    (kurze Pause und zögernd):

    »Sieh dir die Liebenden an,
    wenn erst das Bekennen begann,
    wie bald sie lügen.«


    Wieder die Stille. Gott weiß, wer sie machte. Dann rührten sich die Leute, stießen aneinander, entschuldigten sich, hüstelten. Schon wollten sie in ein allgemeines verwischendes Geräusch übergehen, da brach plötzlich die Stimme aus, entschlossen, breit und gedrängt:

    »Du machst mich allein. Dich einzig kann ich vertauschen.
    Eine Weile bist dus, dann wieder ist es das Rauschen,
    oder es ist ein Duft ohne Rest.
    Ach, in den Armen hab ich sie alle verloren,
    du nur, du wirst immer wieder geboren:
    weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.
    «

Könnte man vielleicht sagen: das Triebhafte, nach Erfüllung Drängende der "Liebesnächte" wird für das Lyrische Ich in den "Reisenächten" auf eine andere, "geistigere" Ebene gehoben --- und auf diese Weise kann etwas als "Eigentum" festgehalten werden... vielleicht sogar für die Ewigkeit... ?

meint
stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

helle
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Re: Der Fremde

Beitrag von helle » 28. Mär 2020, 14:28

Ja, interessante Wendung des Gesprächs. Du sagst:
»die erotischen Konnotationen, die ich im ganzen Gedicht sehe - im "sich ergaben" oder im "unbegehrend hinzulassen" stärker noch als in der "Schlacht" - halte ich nicht für "unbewußt oder nur zum geringeren Teil beabsichtigt", ganz im Gegenteil.

Sie sind notwendig für die Gegenüberstellung von "Liebesnächten" und "Reisenächten" , die das Gedicht ja ganz ausdrücklich zum Thema macht:«
Also anders gewendet, die erotischen Bilder, Passagen oder vielleicht auch nur Anspielungen des Gedichts sind bewußt und zum großen Teil oder sogar vollständig eingesetzt, weil der Autor (oder vorsichtiger gesagt: das Gedicht) »die Gegenüberstellung [von mir hervorgehoben] von "Liebesnächten" und "Reisenächten"« thematisiert. So, daß eine Art poetisches Kalkül der Gedichtform zugrundeliegt, der Gedanke die Antithese der Bilder und Wendungen hervorruft. Daß sich dem Dichter nichts, wie ich glaubte, bei der Darstellung der Reisenächte eher unwillkürlich in die Niederschrift mengte, was zugleich auch erotisch interpretierbar wäre, aus einer Selbstbewegung der Sprache heraus, an der Unbewußtes, Unwillkürliches oder selbst auch durch den Reimzwang Hervorgebrachtes Anteil hätte.

Mein Gefühl ist zwar anders (über Gefühle läßt sich bekanntlich schlecht diskutieren, auch wenn jedes Kunstwerk an sie appelliert und die Reflexion immer erst der zweite Schritt ist), aber entscheiden könnte ich nicht, wie streng Rilke diese doppelte Stimmführung betreibt (oder generös treiben läßt), er läßt, darin stimmen wir vielleicht überein, manches mit Bedacht im Unentschiedenen, um nicht Zweideutigen zu sagen: die Äquivokation von »sich ergeben« im Liebesspiel und im Ausgang einer Schlacht wäre ein Beispiel.

Was macht man mit Grenzfällen wie dem »hingeneigten / Haupte«? Bekäme die erotische Auslegung hier nicht etwas Schlüpfriges? Mir hat die Diskussion ein Stück weit jedenfalls die Augen über den dezenten Abgrund des »Fremden« geöffnet, obwohl ich eigentlich gern beim vergleichsweise naiven Eindruck der transzendentalen Ortlosigkeit geblieben wäre, die mir Hardy Krügers Rezitation des Gedichts im Rilke-Projekt vermittelt hat.

Dank u. Gruß,
helle

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