Bitte erkläre mir diesen Satz von SaO II 17

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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Dasha
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Bitte erkläre mir diesen Satz von SaO II 17

Beitrag von Dasha » 22. Aug 2011, 11:12

Wo, in welchen immer selig bewässerten Gärten, an welchen
Bäumen, aus welchen zärtlich entblätterten Blüten-Kelchen
reifen die fremdartigen Früchte der Tröstung?

Warum sagt Ernst Leise:
Zum Anfang: das Wort immer gehört nicht zu bewässerten, sondern (ergänzend) zu welchen (vergleiche englisch whatever).
http://www.amazon.de/dp/3878086938/, S. 155, oder bitte sieh das Bild:
Ich vermute, es fehlte das Wort "auch", wenn es "whatever" bedeutet. Habe ich nicht recht?

Dank im voraus!

Dasha

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helle
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Re: Bitte erkläre mir diesen Satz von SaO II 17

Beitrag von helle » 22. Aug 2011, 15:46

Du hast recht, was die Interpretation der Interpretation von Leisi (!) angeht. ›In welchen auch immer‹ oder ›ganz gleich, in welchen‹.

Ob Leisi mit der Interpretation recht hat, ist allerdings die Frage, es ist zwar eine plausible Behauptung, aber noch kein Argument, sie wird nur postuliert, nicht begründet. Offenbar hält er die Evidenz der Behauptung für ausreichend groß.

Gruß, helle

Dasha
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Re: Bitte erkläre mir diesen Satz von SaO II 17

Beitrag von Dasha » 23. Aug 2011, 04:19

Dank helle fuer die Antwort!

Mit besten Gruessen

Dasha
so leben wir und nehmen immer Abschied.

stilz
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Re: Bitte erkläre mir diesen Satz von SaO II 17

Beitrag von stilz » 29. Aug 2011, 09:26

Hier zunächst das Sonett:

  • Wo, in welchen immer selig bewässerten Gärten, an welchen
    Bäumen, aus welchen zärtlich entblätterten Blüten-Kelchen
    reifen die fremdartigen Früchte der Tröstung? Diese
    köstlichen, deren du eine vielleicht in der zertretenen Wiese

    deiner Armut findest. Von einem zum anderen Male
    wunderst du dich über die Größe der Frucht,
    über ihr Heilsein, über die Sanftheit der Schale,
    und daß sie der Leichtsinn des Vogels dir nicht vorwegnahm und nicht die Eifersucht

    unten des Wurms. Giebt es denn Bäume, von Engeln beflogen,
    und von verborgenen langsamen Gärtnern so seltsam gezogen,
    daß sie uns tragen, ohne uns zu gehören?


    ___ Haben wir niemals vermocht, wir Schatten und Schemen,
    durch unser voreilig reifes und wieder welkes Benehmen
    jener gelassenen Sommer Gleichmut zu stören?


Lieber Dasha, ja, natürlich hast Du recht: wenn Rilke etwas wie "whatever" gemeint hätte, dann wäre es klarer gewesen mit "auch": etwa "in welchen selig bewässerten Gärten auch immer".
Nun ist es zwar grammatikalisch möglich, in gewissen Fällen auf das "auch" zu verzichten - aber für mich fühlt es sich wirklich wie eine gewaltige und grobe Verbiegung der Sprache Rilkes an, in der ersten Zeile dieses Sonettes an ein "whatever" zu denken.

Und ich stimme ganz vehement helle zu: daß das Wort "immer" sich auf "welchen" beziehen sollte, ist eine bloße Behauptung, die - zumindest auf der Seite, die Du hereingestellt hast - durch nichts belegt wird.
Anders als helle finde ich allerdings diese Behauptung nicht plausibel, sondern meiner Ansicht nach ist es eine ziemlich absurde und ganz abwegige Behauptung.

Das englische "whatever" ebenso wie das deutsche "welche auch immer" bedeutet ja etwas Unbestimmtes.
Die "Bäume", nach denen Rilke hier fragt, sind aber doch etwas ganz Bestimmtes.

Ernst Leisi geht offenbar davon aus, wenn man es anders versteht als er, müßte sich "immer" auf "bewässerten" beziehen.

Für mich aber liest es sich noch etwas anders - ich beziehe "immer" hier ganz eindeutig auf "selig":

Was sind das für Gärten, fragt Rilke, deren Früchten nichts schädlich sein kann, denen immer und ausschließlich "Seliges" zukommt?
Giebt es denn Bäume, von Engeln beflogen, - von Engeln also, und nicht von gierigen Vögeln, die sich etwas aus den Früchten herauspicken, noch ehe sie reif sind. Es gibt in diesen Gärten offenbar auch keine gefräßigen Würmer, die die Schale der Früchte durchbohren und sich durch ihr Fleisch fressen. Und sogar die Blütenkelche werden nicht gewaltsam, sondern zärtlich entblättert.

Nun sind ja die Früchte, von denen Rilke hier spricht, metaphorische Früchte - das hat natürlich auch Ernst Leisi richtig erkannt.
Man könnte daher annehmen, daß es allein deshalb keine Fruchtschädlinge in Gestalt von Vogel oder Wurm geben kann, weil es sich eben gar nicht um wirkliche Früchte handelt.

Im letzten Terzett aber macht Rilke deutlich, daß auch an metaphorischen "Früchten" möglicherweise "Schädlinge" nagen könnten: wir selbst wären es, unser voreilig reifes und wieder welkes Benehmen.

Wenn man allerdings einmal die Früchte der Tröstung kennengelernt hat, dann kennt man nicht nur ihre Größe und die Sanftheit der Schale, sondern man weiß auch um ihr Heilsein.
Es gibt also ganz offenbar "Gärten", in denen die "gelassene Gleichmut der Sommer" durch nichts gestört werden kann.

Und im Enjambement vom ersten zum zweiten Quartett deutet Rilke auch an, was das für Gärten sein könnten - indem er ein mögliches Beispiel nennt: die zertretene Wiese deiner Armut.

Und ich kehre nun zurück an den Anfang des Sonettes und deute die "Bewässerung" dieser "Gärten" als Tränen.
Tränen, die wir aus Leid weinen, scheinen uns bitter zu sein --- und dennoch sind gerade sie es, die die "Gärten", in denen uns die "Früchte der Tröstung" wachsen und reifen, auf das Seligste bewässern...

Ich denke an die Zehnte Elegie, an die weite Landschaft der Klagen, an ihre Tränenbäume und Felder blühender Wehmut ...



Ich kenne nur diese eine Seite des Buches von Ernst Leisi über Rilkes "Sonette an Orpheus".
Aber schon da stellt er noch eine zweite Behauptung auf, eine ganz grundsätzliche sogar, der ich keineswegs zustimmen kann:
"Wie wir wissen, beurteilt Rilke die condition humaine negativ:"

Nein, sage ich.
Wie man wissen kann, wenn man Rilkes Gedichte gelesen hat, zum Beispiel die Neunte Elegie, geht es ihm ganz im Gegenteil darum, die Welt zu preisen. Und zwar nicht (wie Ernst Leisi zu denken scheint) die "unsägliche", sondern das Einfache, das, von Geschlecht zu Geschlechtern gestaltet,/als ein Unsriges lebt, neben der Hand und im Blick.
Und gerade der Mensch, in und wegen seiner "condition humaine" - das kann man bei Rilke immer wieder lesen! - gerade der Mensch ist das Wesen, das zu solchem Preisen und Rühmen in der Lage ist.


Lieber Dasha, ich habe mich sehr gefreut, wieder einmal von Dir zu hören!

Herzlichen Gruß,

Ingrid
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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