Verortung der Neuen Gedichte im Gesamtwerk Rilkes

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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Bibi
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Verortung der Neuen Gedichte im Gesamtwerk Rilkes

Beitrag von Bibi » 23. Aug 2010, 10:33

Hallöchen :)

kann mir von Euch jemand vielleicht dabei helfen, wie ich Rilkes Neue Gedichte im Gesamtwerk verorten kann: also die Bedeutung der Neuen Gedichte im Gegensatz zu anderen lyrischen Werken und im Gegensatz zum Gesamtwerk, also zu Erzählungen, dramaturgischen Stoffen und dem Malte.
Kann mir dabei jemand helfen, welche Bedeutung die Neuen Gedichte im Hinblick auf diese Werke haben, was sie im Gegensatz zu den anderen ausmacht und was sie evtl. auch für Rilke bedeutet haben?
Für Tipps zu Literatur, Internetseiten oder auch persönlichem Wissen wäre ich sehr dankbar :D
Vielen Dank an Euch!
LG Bibi

helle
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Re: Verortung der Neuen Gedichte im Gesamtwerk Rilkes

Beitrag von helle » 31. Aug 2010, 14:41

Gute Frage, auch wenn das Wort »verorten« ein Modewort geworden ist, mit dem jetzt auf dem ganzen Erdball verortet wird, was nicht niet– und nagelfest ist.

»Im Gegensatz zum Gesamtwerk« würde ich als Formulierung nicht wählen, die topologische Aufgabe bezieht sich doch vermutlich eher auf die Stellung der »Neuen Gedichte« innerhalb des Gesamtwerks, von dem sie einen Teil darstellen. Das »Rilke-Handbuch« nimmt folgende Einteilung vor (http://lbib.de/Rilke-Handbuch-Leben-Wer ... ngel-16638):

3. Dichtungen und Schriften 175
3.0 Vier Werkphasen 175
3.1 Das Frühwerk 182
3.1.1 Lyrik 182
Die frühen Gedichtsammlungen 182
Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke 210
Das Stunden-Buch 216
Das Buch der Bilder (1. Fassung, 1902) 227
Einzelgedichte bis 1902 233
3.1.2 Erzählungen 239
3.1.3 Dramatische Dichtungen 264
3.2 Das mittlere Werk (1902–1910) 283
Die weiße Fürstin (2. Fassung, 1904) 283
Das Buch der Bilder (2. Fassung, 1906) 290
Neue Gedichte / Der Neuen Gedichte anderer Teil 296
Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge 318
Einzelgedichte 1902–1910 336
3.3 Das späte Werk (1910–1922) 355
Das Marien-Leben 355
Duineser Elegien 365
Einzelgedichte 1910–1922 384
3.4 Späteste Gedichte (1922–1926) 405
Die Sonette an Orpheus 405
Deutschsprachige Einzelgedichte 1922–1926 424
Französische Gedichte 434
3.5 Das übersetzerische Werk 454
3.6 Schriften zu Kunst und Literatur 480
3.7 Das Briefwerk 498

Darüber kann man streiten, aber dies wäre mindestens eine Grundlage zur Diskussion. Ob man die »Elegien« und die »Sonette an Orpheus« unterschiedlich datieren muß, möchte die Frage sein. Eine andere Frage ist, wie man die einzelnen Werke und Werkepochen von Rang und Gewicht her beurteilt. Rilke selbst war erst erlöst, nachdem er die Elegien geschrieben hat, 1922 – darauf lief in seinem Leben alles hinaus, das Elegienwerk rangiert in seiner dichterischen Selbstwahrnehmung zweifellos an höchster Stelle; Form und Diktion der »Neuen Gedichte« hat er selbst als eine abgeschlossene Phase seiner Produktion verstanden (wie den »Malte«) – im Gedicht »Wendung« schwingt etwas davon mit. Lou Andreas-Salomé, falls mich die Erinnerung nicht täuscht, hat das »Stundenbuch« höher geschätzt als die »Neuen Gedichte«, was mir schwer begreiflich ist, aber das will ich jetzt nicht begründen. Für Hofmannsthal zeigt sich der ›wahre‹ Jakob hätte ich beinah gesagt, der wahre Rilke eher in den »Neuen Gedichten«. Einige Gedichte dieser Sammlung sind sicher vollkommen, man kann nichts wegnehmen und nichts hinzufügen – auch wenn man sie auf die Geschichte der deutschen Lyrik im ganzen hin liest, waren sie etwas Neues und Bleibendes. Ich schätze auch einige der versprengten späteren Gedichte zwischen den »Neuen Gedichten« und dem Spätwerk sehr, nicht zuletzt weil sie eben keiner sog. Werkphase exakt zuzuschreiben, mithin auch nicht so leicht zu »verorten« sind. Ein solches Kategorisieren geschieht ja auch zu Lasten des einzelnen Textes.

Freundliche Grüße,
h.

Bibi
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Re: Verortung der Neuen Gedichte im Gesamtwerk Rilkes

Beitrag von Bibi » 1. Sep 2010, 10:19

hallöchen h.,
danke für deine antwort, sollte "verorten" wirklich so ein modewort geworden sein, sind die literaturwissenschaftler meiner uni alle recht modisch :lol: die neuen gedichte im gegensatz zum frühwerk oder spätwerk o. spätesten werk --> "im gegensatz" kann man da schon sagen, denn rilke hat sich mit diesem mittleren werk von seiner stimmungslyrik aus der frühphase abgewandt und den dingbegriff ab dem spätwerk kritisiert und sich wiederrum davon abgewendet, in dieser werkphase sollte die lyrik zum "herz-werk" werden
manfred engels handbuch habe ich gelesen, muss einen klaren stellenwert der neuen gedichte "im gegensatz" zu den anderen werken aber doch noch herausarbeiten, denke mir jedoch, dass es so, wie ich es gern wissen würde, dort nicht drin steht.
ich dachte einfach, dass ich hier weitere anregungen finden werde...vielleicht hat ja noch jemand eine idee...ganz ohne infos bin ja diesbezüglich nicht. :D
danke h.
bibi

helle
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Re: Verortung der Neuen Gedichte im Gesamtwerk Rilkes

Beitrag von helle » 3. Sep 2010, 15:27

Hallo bibi,

»im gegensatz zum frühwerk oder spätwerk o. spätesten werk«, das ist ja keine Frage. Habe ich auch nicht gesagt, sondern die Formulierung »Im Gegensatz zum Gesamtwerk« gemeint, zu dem die »Neuen Gedichte« ja zählen, und dessen Zentrum sie zeitlich und vielleicht auch inhaltlich bilden. Inhaltlich zumindest von der Wirkung her – wo Rilkes Wirkung sich nicht zuletzt dieser (doppelten) Sammlung der »Neuen Gedichte« verdankt, und einzelnen Gedichten daraus wie dem »Panther«, dem »Karussell«, dem »Liebeslied«, der »Blauen Hortensie« und weiteren.

Wenn Du ausdrücken könntest, warum die im Handbuch vorgenommene Einteilung den »klaren stellenwert der neuen gedichte« für Dich nicht ›leistet‹ (wie Rilke vielleicht sagen würde), wäre schon etwas gewonnen. Wenn Du sagen könntest, warum es so, wie Du es gern wissen würdest, dort nicht steht. Oder, noch mal anders gewendet, wenn Du sagen könntest, wie Du es gern wissen würdest. Denn eine solche Formulierung setzt ja eine bestimmte Vorstellung voraus.

Einige Dinge wird man über die »Neuen Gedichte« und ihr Konzept sagen können, die für die anderen Werkphasen, wenn man das so nennen will, nicht zutreffen. Der Hintergrund der Bekanntschaft mit Rodin, das damit verbundene Ethos, die handwerkliche Orientierung – das sind bekannte Dinge. Das heißt nicht, daß er nun Gedichte schreibt, die wie Plastiken wirken sollen, daß er malerische oder bildhauerische Verfahren zu imitieren sucht. Wohl aber, mit den ihm eigenen, also sprachlichen Mitteln, so etwas wie die Versenkung in ein »Ding« (das ist ja nicht identisch mit dem »Gegenstand«), ein Ereignis oder Phänomen zu erreichen, sicher mit Betonung auf dem Anschauen. Vielleicht ist der spätere Rilke mehr ein Hörender, der frühe dagegen nur Empfindung, so daß man von einem Wechseln der Sinne sprechen könnte. Aber das ist nur eine Behauptung, die an der Sprachgestalt der Texte zu prüfen wäre.

bonne chance!
h.

Bibi
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Re: Verortung der Neuen Gedichte im Gesamtwerk Rilkes

Beitrag von Bibi » 19. Sep 2010, 16:29

hallo helle,
vielen dank für deine antwort und deine geduld :) ...
vielleicht hatte ich mich etwas undeutlich ausgedrückt, denn ich meinte, welche stellung/gewichtung die neuen gedichte innerhalb des gesamtwerkes haben (nicht die wortwörtliche position der neuen gedichte im gesamtwerk, sondern was die neuen gedichte im gegensatz zu anderen werken auszeichnete) und auch im gegensatz zu dramatischen werken, erzählungen oder auch dem malte...wobei fast alle dramatischen werke und erzählungen dem frühwerk anzurechnen sind und somit eher der stimmungslyrik angehören...im gegensatz zur mittleren phase (also den neuen gedichten o. malte bpsw.) in der er sich von der stimmungslyrik abwendet, weil diese für ihn kein verhältnis von "innen" und "außen" mehr schaffen kann (stimmungston ist erschöpft --> krise der stimmungslyrik).
desweiteren wollte ich gern wissen, welche stellung die neuen gedichte in rilkes zeit hatten (jahrhundertwende/moderne) --> waren die neuen gedichte modern? (die abwendung von naturalistischen darstellungsweisen, das fehlen eines eindeutigen semantischen bezuges der dargestellten dinge, die darstellung von großstadterfahrungen, alleinsein, verlassensein gibt mir einen hinweis auf einen modernen rilke ABER ich scheue mich davor ihn so starr einordnen zu müssen)
und zu guter letzt wollte ich gern wissen, welche rolle die lyrik in seinem gesamten schaffen spielte...warum wurde er letztendlich zum dichter und nicht zu einem autor? wieso sagten ihm gedichte zur darstellung verschiedenster stoffe mehr zu, als erzählungen o. dramen...
ich hoffe, du blickst durch ;) und kannst mich noch ein weiteres mal an deinen gedanken u. meinungen teilhaben lassen
danke h. und einen schönen restlichen sonntag wünsche ich
lg bibi

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