Man muß sterben... an....

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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Volker
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Man muß sterben... an....

Beitrag von Volker » 29. Mai 2007, 23:10

... den Frauen.
Rilke, letzte Gedichte:
"Man muß sterben, weil man sie kennt." Sterben
an der unsäglichen Blüte des Lächelns. Sterben
an ihren leichten Händen. Sterben
an Frauen.

Singe der Jüngling die tödlichen,
wenn sie ihm hoch durch den Herzraum
wandeln. Aus seiner blühenden Brust
sing er sie an:
Unerreichbare. Ach, wie sie fremd sind.
Über den Gipfeln
seines Gefühls gehn sie hervor und ergießen
süß verwandelte Nacht ins verlassene
Tal seiner Arme. Es rauscht
Wind ihres Aufgangs im Laub seines Leibes. Es glänzen
seine Bäche dahin.

Aber der Mann
schweige erschütterter. Er, der
pfadlos die Nacht im Gebirg
seiner Gefühle geirrt hat:
schweige.
Wie der Seemann schweigt, der ältere,
und die bestandenen
Schrecken spielen in ihm wie in zitternden Käfigen.
Schön, nicht?
Ich hab' auch Verstand.©
gez. Volker

gliwi
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Beitrag von gliwi » 30. Mai 2007, 17:31

Ja, Volker, die letzte Strophe ist wirklich schön., da stimme ich dir zu. Aber die anderen beiden? Also so schlimm sind wir Frauen ja nun doch nicht. Und "Laub des Leibes"? Sollte das etwa dem Klang zuliebe formuliert sein?
:wink:
Freundlichen Gruß
gliwi
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stilz
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Beitrag von stilz » 31. Mai 2007, 20:26

Lieber Volker, danke für dieses Gedicht! Auch ich finde es sehr, sehr schön.

Und liebe gliwi: ohne die ersten beiden Strophen ist dieses Gedicht nicht zu haben.
Ebensowenig, wie ein Jüngling zum Manne reifen kann, in dem "die bestandenen Schrecken spielen ... wie in zitternden Käfigen", ohne daß er eben vorher ein Jüngling war, den sein Erleben der Frauen übersteigt (@helle: :wink:), sodaß er dieses Erleben als "Sterben" und die Frauen als "tödliche" besingt...

Du glaubst doch nicht wirklich, mit den "bestandenen Schrecken" sind die "schlimmen Frauen" gemeint?

Und
Es rauscht
Wind ihres Aufgangs im Laub seines Leibes.

halte ich nicht nur aus Gründen des Klanges für ein wunderbares Bild.
Wenn sein Leib nicht wie Laub wäre, wie könnte der "Wind ihres Aufgangs" darin rauschen?
Und wenn es nie im Jüngling "gerauscht" hätte, was wäre es, worüber der gereifte Mann "erschütterter schweigen" könnte?

Nein, das wär mir wirklich zuwenig, nur die letzte Strophe oder gar nur die Zeilen vom Seemann "schön" zu finden.

Lieben Gruß

stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

helle
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Beitrag von helle » 31. Mai 2007, 20:40

Finde ich auch schön. Darum verstehe ich auch gliwi nicht gut – wo liest Du aus dem Gedicht, aus dieser einzigen Huldigung, daß die Frauen »schlecht« seien? Das Sterben an ihnen ist doch ein Sterben aus einem Überschuß an Gefühl, an Bewunderung, Liebe, wasweißich. Ihr Lächeln blüht, ihre Hände sind leicht, sie machen den Jüngling singen und bringen seine Brust, aus der der Gesang doch wohl tönt, zum Blühen. Sie laufen auch nicht irgendwo herum und waschen ab oder schälen Kartoffeln, sondern »wandeln durch Herzraum«, über »den Gipfeln seines Gefühls« – was also macht sie so schlecht?

Immerhin, am Ende bleiben sie »unerreichbar« und »fremd«, obwohl der Männerwelt doch so an ihrer Zutraulichkeit liegt. Heißt das nicht, sie dürfen kein Besitz sein?

Wie der »Schrecken« nachzittert beim alten Seebär, das erinnert mich an die Abenteuer und Gefahren von Odysseus. Es gibt nur eine Liebe, sagt Knut Hamsun, das ist die gestohlene. Und der »Schrecken« ist ja nicht nur schrecklich, sondern, wie in der ersten Elegie, nur reziprok, hat er hier eine Beziehung zur Schönheit und »spielt« damit im Gedächtnis des alten Mannes.

Soweit für heute abend. Ich hatte stilz' Beitrag zuvor nicht gelesen, aber zum Glück sagen wir nicht ganz das gleiche, obwohl wir vielleicht etwas ähnliches meinen.

Grüße, helle

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Volker
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Beitrag von Volker » 1. Jun 2007, 00:14

Hallo zusammen,

es gibt Gedichte, die sprechen so stark zu mir, dass ich auch nur noch schweigen kann, wie der Seemann schweigt, der ältere....
Umso schöner, dass dann (wie hier geschehen) andere Leser bereit und in der Lage sind, Kommentare dazu zu formulieren.
@stilz, @helle: Möchte mich bei euch bedanken.

@gliwi: ich glaube deine Bemerkung
Also so schlimm sind wir Frauen ja nun doch nicht
war nicht so ganz ernst gemeint, oder?
Meine Antwort: Doch! Ihr Frauen seid schon "schlimm", manchmal.... Aber schön schlimm.:wink:
(So hattest Du es vielleicht eher gemeint, oder?)
gliwi hat geschrieben:Und "Laub des Leibes"? Sollte das etwa dem Klang zuliebe formuliert sein?
Dazu hat stilz ja schon das Richtige gesagt.
Mir kommt bei dem Bild "Laub des Leibes" nicht dieser Verdacht (dem Klang zuliebe...). Eher dieses: Zum Laub gehört auch der Baum. Der Leib ist auch wie ein Baum. Fest und gerade. Aber nicht steif, denn zum Baum gehören eben Äste und Zweige - und das Laub. Darin rauscht es, angeregt durch die Frauen. Und auch noch andere Sachen können dabei passieren ....:wink:
Na ja, lassen wir das für heute.... :wink: :wink:
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Beitrag von gliwi » 1. Jun 2007, 00:37

Na gut, mit dem Laub habt Ihr mich überzeugt. Ich widerspreche sowieso immer heftig, wenn jemand anderes behauptet, der kluge Dichter schrieb etwas um des Reimes willen - er ist schließlich kein Wiesel! :wink:
Und mit den "schlimmen Frauen" - etwas ganz anderes als "schlechte Frauen"! - hast du mich richtig verstanden, Volker.
Die Reminiszenz an Odysseus finde ich übrigens sehr einleuchtend!
Grüße rundum :D
gliwi
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Beitrag von helle » 2. Jun 2007, 12:30

gliwi hat geschrieben:Und mit den "schlimmen Frauen" - etwas ganz anderes als "schlechte Frauen"!
gliwi
Natürlich! sorry, liebe gliwi,
Grüßle
h.

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