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die nonne

Verfasst: 26. Apr 2007, 10:33
von gerundimus
hi,
wie ist eure meinung zu ``die nonne``, findet ihr, es geht um homosexualität? oder einfach nur um bewunderung der schwester?

gruß,ms

Verfasst: 28. Mai 2007, 19:24
von gliwi
Hallo gerundimus,
bis heute hat niemand geantwortet. Das mag daran liegen, dass wir gar nicht wissen, was das für ein Text ist. In meinem dicken 2001-Buch finde ich jedenfalls nichts mit diesem Titel. Wenn die Frage noch relevant ist, könntest du uns dann mitteilen, wie wir an den Text kommen, oder, wenn möglich, ihn hier einstellen?
Gruß
gliwi

Verfasst: 28. Mai 2007, 20:59
von stilz
Oh...

Ich denke, es ist Die Nonne gemeint, aus den "Christus-Visionen"... (und dann ist die Frage wohl hier nicht richtig eingeordnet)

Und ich hab das Gedicht gelesen, und hatte bisher Scheu zu antworten.

"Homosexualität", das ist viel zu einfach. Und "Bewunderung", das wieder ist zuwenig.
Die Nonne ist "Christi Braut". Und die Blonde möchte es auch sein, "mach mich wie du", sagt sie und sehnt sich nach Frieden und Klarheit, um der "Welle", die ihr die Ruhe raubt, nicht hilflos ausgeliefert zu sein wie ein Blatt.

Was immer das für ein Geschehen ist, "als ob derselbe Sturm sie streifte": es bedeutet für die Blonde etwas anderes als für die Nonne. Denn sie "reift daran zum Weib" und entscheidet sich offenbar, der "Welle" zu folgen, hin zum "blonden Gespielen", der "jetzt stark" ist...
Und die Nonne hält sie nicht.
Aber es gibt eine Erinnerung, einen Traum, vielleicht eine Sehnsucht in ihr, die sich entschieden hat, "Christi Braut" zu sein...


Was bedeutet es, "Christi Braut" zu sein? Was hat es für Rilke bedeutet?
Ich glaube, um diese Frage geht es in diesem Gedicht.
Und ich muß gestehen: ich habe zur Zeit keine Antwort auf diese Frage.

Ich wüßte gern mehr über den Hintergrund der "Christus Visionen".

Lieben Gruß

stilz

danke

Verfasst: 31. Mai 2007, 12:39
von gerundimus
hi,
danke, sind gut gedanken, wie ich finde.
die christusvisionen find ich spitze, vor allem die 9. oder 11. glaub ich :
,,da war ein mann inmitten einer kinderschar[...]``
mir wollte nämlich jemand weis machen, dass da eben homosexualität zum ausdruck kommt, weil RILKE eben auch als mädchen erzogen wurde.

gruß, gerundimus

Verfasst: 31. Mai 2007, 15:11
von gliwi
Hallo,
glaubt dieser jemand, man könne zur Homosexualität "erziehen"? Dann ist dieser Jemand mit Verlaub ein ziemlicher Holzkopf. Man kann jemanden in der falschen Geschlechts-Identität aufwachsen lassen, aber man kann niemanden eine Sexualität "anerziehen". Im übrigen sehe ich das wie stilz: ein Wunsch, eine Sehnsucht, so zu sein wie die andere, dann aber das Bewusstsein: ich kann es nicht, es ist nicht mein Weg, obwohl ich ihn gerne gehen wollte. Und dann das, was uns oft so schwerfällt: auch die Nonne akzeptiert den Weg der anderen, ohne zu werten, ohne den eigenen als den besseren auszugeben.
Gruß
gliwi

dieser jemand....

Verfasst: 8. Jun 2007, 07:22
von gerundimus
... ist psychologe und meint wohl, alles besser zu wissen, aber so richtig verstehen kann er es wohl nicht....

gruß,
gerundimus

Re: die nonne

Verfasst: 21. Mai 2010, 15:30
von Georg Trakl
Mein lieber Gerundimus,
nach eifrigen Recherchen in der örtlichen Bibliothek konnte ich in einem Folianten einen Hinweis auf ein bislang unentdecktes Gedicht aus dem vermutlich rilkeschen Nachlass entdecken. Völlig unentdeckt ruhte dieses aus rauem Papier bestehende Blatt im Postmeisterhäuschen zu Wiedensahl, wo Rilke so manches Mal die Sommerfrische bei seinem Freunde Willi Busch zu verbringen pflegte.
Obwohl die Urheberschaft trotz intensiver Nachforschung nicht eindeutig zuzuordnen ist, steht weit gehend fest, dass das etwa ums Jahr 1927 entstandene Opus exitus doch eher der Feder Rilkes zuzuschreiben wäre, hätte Busch das Gedicht doch eher mit Grafiken versehen, wie er es bei den meisten seiner Schöpfungen tat ...
PS: Einen Hinweis auf eine homoerotische Neigung der dargestellten Nonne bzw. der anderen Protagonisten kann ich eigentlich bei der Lektüre des Textes nicht entdecken, aber man weiss ja nie ...

Gschamster Diener!
G. Trakl jun.


DIE NONNE
Autorschaft unbekannt, R. M. Rilke zugeschrieben

Es liebt' in Welschland irgendwo
Ein schöner junger Ritter
Ein Mädchen, das der Welt entfloh,
Trotz Klostertor und Gitter;
Sprach viel von seiner Liebespein,
Und schwur, auf seinen Knien,
Sie aus dem Kerker zu befrein,
Und stets für sie zu glühen.

"Bei diesem Muttergottesbild,
Bei diesem Jesuskinde,
Das ihre Mutterarme füllt,
Schwör ich's dir, o Belinde!
Dir ist mein ganzes Herz geweiht,
So lang ich Odem habe,
Bei meiner Seelen Seligkeit!
Dich lieb ich bis zum Grabe."

Was glaubt ein armes Mädchen nicht,
Zumal in einer Zelle?
Ach! sie vergaß der Nonnenpflicht,
Des Himmels und der Hölle.
Die, von den Engeln angeschaut,
Sich ihrem Jesu weihte,
Die reine schöne Gottesbraut,
Ward eines Frevlers Beute.

Drauf wurde, wie die Männer sind,
Sein Herz von Stund an lauer,
Er überließ das arme Kind
Auf ewig ihrer Trauer.
Vergaß der alten Zärtligkeit,
Und aller seiner Eide,
Und flog, im bunten Galakleid,
Nach neuer Augenweide.

Begann mit andern Weibern Reihn,
Im kerzenhellen Saale,
Gab andern Weibern Schmeichelein,
Beim lauten Traubenmahle.
Und rühmte sich des Minneglücks
Bei seiner schönen Nonne,
Und jedes Kusses, jedes Blicks,
Und jeder andern Wonne.

Die Nonne, voll von welscher Wut,
Entglüht' in ihrem Mute,
Und sann auf nichts als Dolch und Blut,
Und schwamm in lauter Blute.
Sie dingte plötzlich eine Schar
Von wilden Meuchelmördern,
Den Mann, der treulos worden war,
Ins Totenreich zu fördern.

Die bohren manches Mörderschwert
In seine schwarze Seele.
Sein schwarzer, falscher Geist entfährt,
Wie Schwefeldampf der Höhle.
Er wimmert durch die Luft, wo sein
Ein Krallenteufel harret.
Drauf ward sein blutendes Gebein
In eine Gruft verscharret.

Die Nonne flog, wie Nacht begann,
Zur kleinen Dorfkapelle,
Und riß den wunden Rittersmann
Aus seiner Ruhestelle.
Riß ihm das Bubenherz heraus,
Recht ihren Zorn zu büßen,
Und trat es, daß das Gotteshaus
Erschallte, mit den Füßen.

Ihr Geist soll, wie die Sagen gehn,
In dieser Kirche weilen,
Und, bis im Dorf die Hahnen krähn,
Bald wimmern, und bald heulen.
Sobald die Turmuhr zwölfe schlägt,
Rauscht sie, an Grabsteinwänden,
Aus einer Gruft empor, und trägt
Ein blutend Herz in Händen.

Die tiefen, hohlen Augen sprühn
Ein düsterrotes Feuer,
Und glühn, wie Schwefelflammen glühn,
Durch ihren weißen Schleier.
Sie gafft auf das zerrissne Herz,
Mit wilder Rachgebärde,
Und hebt es dreimal himmelwärts,
Und wirft es auf die Erde.

Und rollt die Augen, voller Wut,
Die eine Hölle blicken,
Und schüttelt aus dem Schleier Blut,
Und stampft das Herz in Stücken.
Ein dunkler Totenflimmer macht
Indes die Fenster helle.
Der Wächter, der das Dorf bewacht,
Sah's in der Landkapelle.

Re: die nonne

Verfasst: 21. Mai 2010, 19:55
von gliwi
Beim Mitglied Georg Trakl handelt es sich um einen Troll. Am besten nicht beachten.