"Die Erwachsene"- Interpretationsansatz???

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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--Claudia--

"Die Erwachsene"- Interpretationsansatz???

Beitrag von --Claudia-- » 16. Nov 2005, 11:32

Hallo!

Muss im GK Deutsch das Gedicht "Die Erwachsene" vorstellen...
Auch wenn es zu den "Neuen Gedichten" gehört, würde ich es nicht unbedingt als ein Dinggedicht beschreiben, oder?!

Abgesehen davon:
Wer ist "sie" in diesem Gedicht?
Und was- nämlich "DAS alles"- ertrug sie??
Ist es der mehr oder weniger schwere Übergang/ Abschied von der Kindheit zum Erwachsen werden?
Ist mit dem Erwachsenwerden das "Entfernte....." gemeint und mit "aufgetanem Antlitz" das Bereit-Sein zum Erwachsenwerden gemeint??
Ist der "Schleier", der leise gleitet, ein Prozess, den man nicht oder nur schwer bemerkt??

Was meint ihr dazu?? Brauch da dringend andere Meinungen, nicht, dass ich mich da in was verrenne....


Die Erwachsene

Das alles stand auf ihr und war die Welt
und stand auf ihr mit allem, Angst und Gnade,
wie Bäume stehen, wachsend und gerade,
ganz Bild und bildlos wie die Bundeslade
und feierlich, wie auf ein Volk gestellt.

Und sie ertrug es; trug bis obenhin
das Fliegende, Entfliehende, Entfernte,
das Ungeheuere, noch Unerlernte
gelassen wie die Wasserträgerin
den vollen Krug. Bis mitten unterm Spiel,
verwandelnd und auf andres vorbereitend,
der erste weiße Schleier, leise gleitend,
über das aufgetane Antlitz fiel

fast undurchsichtig und sich nie mehr hebend
und irgendwie auf alle Fragen ihr
nur eine Antwort vage wiedergebend:
In dir, du Kindgewesene, in dir.

gliwi
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Beitrag von gliwi » 16. Nov 2005, 23:31

Hallo Claudia,
Dinggedicht auf keinen Fall, denn 1. ist es eine Person, um die es geht, und 2.wird von ihr gerade das beschrieben, was man nicht mit Augen sieht, von ihrem äußeren Erscheinungsbild ist gar nicht die Rede.(Und das spielt ja im Dinggedicht die Hauptrolle) Wer "sie" ist? Wir wissen es nicht (oder, e.u.?) und es ist für die Interpretation auch unerheblich. "Sie" ist eben die Person, die beschrieben wird. Den Schleier müsste man schon bemerken, denn er ist ja "fast undurchsichtig" und "weiß".
Für einen GK finde ich das Gedicht übrigens ganz schön schwierig.
Gruß
gliwi
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. KANT

--Claudia--

Beitrag von --Claudia-- » 17. Nov 2005, 19:35

Ok, versteh ich so weit, ABER: was ist mit der "Bundeslade" gemeint? Inwiefern passt das in das Gedicht und zum eventuellen Interpretationsansatz?
Meines Wissens ist die Bundeslade ja ein israelitischer Kultgegenstand, der die Anwesenheit Gotttes (Auszug aus Ägypten) angab und aussagt, dass ein Art Bund zwischen dem israelitischen Volk und Gott besteht...
???

Klar, "sie" ist eine Person- das hab ich auch schon erkannt- aber kann nicht auch er seine Kindheit/ Jugend darin verarbeitet haben?
-> Rilke wurde eher als Mädchen erzogen, ertrug es "wie eine Wasserträgerin" und erst in der Jugend distanziert er sich von der strikten Erziehung und lebt- mit Frauen, Heirat, Scheidung/ Trennung....

Bibi
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Re: "Die Erwachsene"- Interpretationsansatz???

Beitrag von Bibi » 3. Okt 2010, 14:24

wahnsinnig lang her, daher gilt mein beitrag dazu auch nur zur aufklärung:
natürlich ist das gedicht "die erwachsene" ein dinggedicht, weil dinggedichte erstens nicht zwangsläfig dinge (also tote objekte) darstellen sondern alle möglichen objekte der äußeren welt, also kunstdinge (plastiken, gemälde), naturdinge (tiere, blumen, menschen mit ihren verschiedenen gebärden und auch in situationen in denen sie sich befinden) und themen der biblischen, mythologischen und historischen überlieferung
und dinge werden in ihrer darstellung eben auch nicht nur von außen "beschrieben" sondern rilke nimmt in seine darstellung der objekte immer äußere merkmale und auch innere zustände hinein (siehe der panther)

die erwachsene wird innerhalb der anschauung beschrieben und gleichzeitig gehen in diese "beschreibung" auch innere erfahrungen in die darstellung der erwachsenen mit ein, erfahrungen, die den menschen bedrängen (meist unwichtige gewöhnliche erscheinungen der äußeren welt, die rilke versucht im gedicht zu schaffen, weil sie sich dem menschen im realen leben permanent entziehen)

die erwachsene sollte nicht zu sehr mit biographischen ereignissen rilkes in beziehung gesetzt werden, denn eine von den dingen ablösbare symbolische bedeutung ist auch hier nicht zu finden.

joni
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Re: "Die Erwachsene"- Interpretationsansatz???

Beitrag von joni » 6. Okt 2010, 00:10

Diese elende Diskussion um Dinggedicht oder nicht will ich nicht weiter verlängern.
Aber der weiße Schleier, der ist spannend.
Was für eine Erfahrung macht diese Frau da, die sie vom Kind zur erwachsenen Frau macht? Das hat ja was von Initiation bei gleichzeitiger, nicht ganz zu ignorierender Todesmetaphorik, die dem Leichentuch anhängt. Aber das ist es wohl nicht primär, denke ich. Ich lese das "aufgetane Anlitz" als Erkenntnisgewinn. "Und da erkannte sie ihn" - biblisch und häufig woanders - ist der Erkenntnisakt durch sexuelle Vereinigung. Und rückwirkend im Gedicht wäre der weiße Schleier wohl diese Erfahrung geschlechtlicher Liebe. Die Tonalität des Gedichtes lässt mir diese Erfahrung nicht als Liebesglück erscheinen, sondern als Erfahrung ohne Glück, die leidvoll bestehen bleibt und die Sinnfrage aufwirft. Das Gedicht gibt ja eine Antwort auf eine nicht explizit gestellte Frage, die es mit "in dir, Kindgewesene, in dir" beantwortet. Könnte das die Frage sein: "Wo liegt der Sinn der unglücklichen Liebe?"
Die erste Erfahrung als unglückliche Erfahrung bleibt ein Leben lang virulent bestehen (die glückliche ja wohl auch, aber das ist nicht das Thema) - und sie ist Auslöser einer Metamorphose: Dass das Erwachsenwerden nicht ohne Leid zu erhalten ist (ein klassisches Initiationsphänomen). Die Gelassenheit der kindlichen Genügsamkeit ist im Erwachsenenalter verschwunden: Da trägt das Leid länger, alltäglicher, spürbarer.
An dieser Stelle ist der weiße Schleier dann auch das Leichentuch der unbefangenen (und der nicht fest kodierten Bildzeichen der ersten Strophe) Kindheit. Es deckt die Ertragbarkeit kindlicher Wasserkrüge zu und macht, dass die Lebensfrage schwieriger zu erkennen ist. In dir, in dir liegt der Sinn auch der unglücklichen Liebe, die die Erkenntnis der eigenen Ichs erst möglich macht.

stilz
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Re: "Die Erwachsene"- Interpretationsansatz???

Beitrag von stilz » 6. Okt 2010, 12:51

Liebe Bibi,

wie schön, daß Du dieses Gedicht aus der Vergangenheit hervorgekramt hast. Danke!

Ich stimme Dir zu, auch meiner Meinung nach ist "Die Erwachsene" ein "Ding-Gedicht" (auch wenn ich diesen Begriff bzw diese Manie, alle Gedichte sofort "klassifizieren" zu müssen, nicht besonders mag und ebensowenig wie Joni jetzt lange darüber diskutieren möchte...): Das "Ding" ist hier eben das "Erwachsensein", geschildert durch das Deutlichmachen der Grenze dieses "Erwachsenseins" zum "Kindsein"...

Und lieber Joni, so interessant ich auch Deine Gedanken zu den Erfahrungen der sexuellen Vereinigung und der unglücklichen Liebe finde - ich verstehe den "Schleier" nicht in diesem Sinne.

Ich denke dabei an dieses Gedicht (das in den "Neuen Gedichten" kurz davor steht):
  • Kindheit

    Es wäre gut viel nachzudenken, um
    von so Verlornem etwas auszusagen,
    von jenen langen Kindheit-Nachmittagen,
    die so nie wiederkamen - und warum?

    Noch mahnt es uns - vielleicht in einem Regnen,
    aber wir wissen nicht mehr was das soll:
    nie wieder war das Leben von Begegnen,
    von Wiedersehn und Weitergehn so voll

    wie damals, da uns nichts geschah als nur
    was einem Ding geschieht und einem Tiere:
    da lebten wir, wie Menschliches, das Ihre
    und wurden bis zum Rande voll Figur.

    Und wurden so vereinsamt wie ein Hirt
    und so mit großen Fernen überladen
    und wie von weit berufen und berührt
    und langsam wie ein langer neuer Faden
    in jene Bilder-Folgen eingeführt,
    in welchen nun zu dauern uns verwirrt.
In der Kindheit, so begreife ich es, erlebt der Mensch die "Außenwelt" ganz unmittelbar, ohne von ihr getrennt zu sein.
Als "Erwachsenwerden" scheint mir Rilke das Geschehen zu bezeichnen, daß wir vom unmittelbaren Erleben "in Bilder-Folgen eingeführt" werden und ab nun in diesen "dauern" müssen.
Ich verbinde zweierlei damit:
Ab diesem Moment scheinen wir nicht mehr in jedem Augenblick in der Gegenwart leben zu können, sondern wir machen uns ein Bild von allem, das wir erleben, ein Bild, das dann in der Erinnerung "analysiert" werden kann... noch mehr: schließlich machen wir uns solche "Bilder" auch von der Zukunft, statt, wie als Kind, genug daran zu haben, die Gegenwart "gelassen zu ertragen, bis obenhin zu tragen".
Und mich berührt auch dieses Bild vom "neuen Faden" - ich denke dabei an Gobelins und Tapisserien: der neue Faden, der bisher noch alles bedeuten konnte, wird in das Gewebe "eingeführt". Ab jetzt bedeutet er etwas ganz Bestimmtes im Gesamtbild. Und dadurch gewinnt er zwar an "Wichtigkeit" für ebendieses Bild - aber er muß sich auch auf diesen einen winzigen Teil des Gesamtbildes beschränken...

Ja. Das Bewußtsein davon, dieser "Schleier", der sich irgendwann über unser Antlitz legt (das bis dahin in jedem Augenblick der Gegenwart mit ihren unzähligen Möglichkeiten "aufgetan" war - was man auch sehen kann, wenn man in ein Kindergesicht blickt), ist das "Leichentuch unbefangener Kindheit", wie Du, Joni, so schön sagst. Und er wird sich nie wieder so heben, als wäre er nie dagewesen: die Kindheit ist unwiederbringlich verloren.

Herzlichen Gruß!
Ingrid
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

Bibi
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Re: "Die Erwachsene"- Interpretationsansatz???

Beitrag von Bibi » 6. Okt 2010, 16:46

liebe indrid, lieber joni,

natürlich sollte mein beitrag nicht zur 742.786 sten diskussion über dinggedichte führen... :D wollte es nur kurz bemerkt haben. die dinggedichtsproblematik bei ist eh etwas ambivalent, weil der begriff des dinggedichtes wie sein schöpfer kurt oppert es definiert hat, auf rilkes gedichte nicht so leicht anzuwenden sind...aber das wurde ja schon besprochen, denk ich

Bezüglich des schleiers sehe ich ihn auch eher im kontext der unwiederbringlichen kindheit...dieser ansatz lässt sich auch ganz gut mit dem gedicht "das karussell" koppeln...

liebe grüße

joni
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Re: "Die Erwachsene"- Interpretationsansatz???

Beitrag von joni » 6. Okt 2010, 23:15

Hallo Ingrid, hallo Bibi,
klar, unwiederbringliche Kindheit - aber was markiert das Ende der Kindheit? Dass da einfach nur son Schleier runterfliegt und die Kindheit beendet, ist ja für das Gedicht (und für Sozialisation generell) ein ein wenig unbefriedigendes Moment. Mal unabhängig davon, ob das mit dem "Karussell" oder welchem Gedicht/Text auch immer zu koppeln ist, stellt der Schleier doch ein vorher und nachher her - ein Ereignis, das eine Frage evoziert, auf die wir nur die Antwort erhalten. Wenn die Frage wäre "Wo ist die Kindheit hingekommen?" wäre dies ein tauglicher Ansatz, aber löste nicht mein Bedürfnis, den Auslöser zu kennen. Ich finde die hier weit verbreitete Attitüde, Rilke in so ein Wischiwaschi des sanften Floatings zu packen, nicht für eine textimmanente Auseinandersetzung dienlich (ich polarisiere mal wieder und möchte niemanden damit zu nahe treten). Das Mädchen im Gedicht sieht etwas ganz Neues - und gleich drauf, wird das mit dem Schleier zugedeckt - und schwupp ist sie eine Erwachsene! Das schreit doch nach Detailrekonstruktion! Egal, ob das nun sexuell gedeutet werden kann (davor schreckt man ja als Geistesmensch allgemeinhin zurück ...) oder nicht - was geschieht dieser jungen Frau? Mag sein, dass sich der Text einer Event-Profanisierung widersetzt, aber angenommen, Rilke gibt einen Hinweis, den wir entschlüsseln müssen: Wo setzte dieser Schlüssel an? Doch wohl bei dem Erkenntnisgewinn des lyrischen Ichs - meine ich. Und da gibt es dann über das Gedicht hinauweisende Bezüge, die die jugendliche Erkenntnis mit einem körperlichen Akt in Verbindung bringen. Und ich lese Eure Bemerkungen nicht als Gegenargumente!
Besten Gruß
Reinhard

stilz
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Re: "Die Erwachsene"- Interpretationsansatz???

Beitrag von stilz » 7. Okt 2010, 12:52

Lieber Reinhard,

ich versuch's mal mit einer Gegenfrage:
Einmal angenommen, Du hättest recht, und der "Auslöser" für diese "Verschleierung" wäre tatsächlich ein sexuelles Erlebnis.
Was, würdest Du sagen, wäre dann dieses "andre", auf das dieser erste Schleier, wie Rilke sagt, erst vorbereitet?

Herzlichen Gruß,
Ingrid (keineswegs so sehr "Geistesmensch", daß sie vor "sexuellen Deutungen" zurückschrecken würde, wenn sich im Text dafür Anhaltspunkte finden lassen) :wink:
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Re: "Die Erwachsene"- Interpretationsansatz???

Beitrag von joni » 7. Okt 2010, 13:51

Liebe Ingrid,

das ist eine gute Frage! Das Gedicht stellt einen Gegensatz her: Hier das Spiel - da das "andre". Das Nicht-Spielerische wäre das Ernste. Die Freude des Spiels im Gegensatz zum Leid des Lebens.
Ob das Lebensernste was mit Arbeit, mit Erotik, mit dem Ausgesetztsein des Individuums zu tun hat - keine Ahnung - und ich sehe nicht, dass Rilke das anzudeuten versucht.

Noch einmal kurz zur sexuellen Vereinigung, was ich jetzt nicht für den superduper Interpretationshebel halte und nicht allzu sehr verteidigen möchte. Aber, Genesis 4,1: "Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger ..." Und zwar gleich nach dem Rauswurf aus dem Paradies. Erst gibts Namen (im Garten Eden gibt es ja noch keine Individualität), dann gibts Klamotten und gleich drauf gibts sexuellen Vereinigung. (Kein schlechter Deal, möcht ich meinen.) Erkenntnis und Erotik hängen seitdem ganz nah zusammen. "Da wurden ihrer beiden Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, daß sie nackt waren. " (Genesis 3,1) Und hier sogar wörtlich "aufgetan"! Ingrid! Und da sagst du, dass es keine Anhaltspunkte im Text gebe?!

Lieben Gruß
Reinhard

stilz
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Re: "Die Erwachsene"- Interpretationsansatz???

Beitrag von stilz » 8. Okt 2010, 11:38

Lieber Reinhard,

:D

Also erstens, der Ordnung halber: ich habe nicht gemeint (und auch nicht gesagt), daß es keine Anhaltspunkte im Text gäbe für "erotische/sexuelle Interpretation", sondern nur, daß ich eine solche Interpretation eben nur dann gelten lassen möchte, wenn es Anhaltspunkte dafür gibt. Die hattest Du meiner Meinung nach in Deinem vorigen posting nicht genannt.
Es ist mir wirklich wichtig, das zu trennen: Anhaltspunkte im Text oder bloß Assoziationen aus der allgemeinen menschlichen Erfahrung oder auch der eigenen persönlichen Befindlichkeit.
Argumentationen wie Deine vorige halte ich insofern nicht für "Anhaltspunkte" (Hervorhebungen von mir):
joni hat geschrieben:Dass da einfach nur son Schleier runterfliegt und die Kindheit beendet, ist ja für das Gedicht (und für Sozialisation generell) ein ein wenig unbefriedigendes Moment..
Wenn die Frage wäre "Wo ist die Kindheit hingekommen?" wäre dies ein tauglicher Ansatz, aber löste nicht mein Bedürfnis, den Auslöser zu kennen.
Du schreibst ja selbst:
joni hat geschrieben: Ob das Lebensernste was mit Arbeit, mit Erotik, mit dem Ausgesetztsein des Individuums zu tun hat - keine Ahnung - und ich sehe nicht, dass Rilke das anzudeuten versucht.
Eben. Also zunächst: keine Anhaltspunkte.

---

Und zu Deinen Gedanken zur Genesis:
Ja, natürlich!
Auch ich sehe, daß Rilke den Verlust der Kindheit als eine Art "Vertreibung aus dem Paradies" schildert (und ich stimme ihm darin zu - aber das spielt, wie gesagt, für die Interpretation eigentlich gar keine Rolle).

Aber auch in der Genesis gibt es ja eine Reihenfolge - wenn auch nicht ganz so, wie Du sagst: :D :
joni hat geschrieben:Erst gibts Namen (im Garten Eden gibt es ja noch keine Individualität), dann gibts Klamotten und gleich drauf gibts sexuellen Vereinigung.
In meiner Bibel steht es ein wenig anders: zuerst das Auftun der Augen, dann das Feigenblatt, danach das Gespräch mit Gott (aber noch nicht der "Rauswurf"!); dann die Namen; dann gibt Gott ihnen Kleidung; dann erst aber spricht er:
"SIehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist." Und deshalb (und damit "er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch vom Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich") "wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden".
Und erst im nächsten Kapitel "erkannte Adam sein Weib Eva"...

Und wenn ich nun Rilkes "Erwachsene" mit der "Genesis" in Zusammenhang bringen möchte, dann würde ich sagen:
Dieser erste weiße, fast undurchsichtige Schleier, der sich nie mehr heben wird, ist das Auftun der Augen für ein Leben in der "Dualität" - die Unterscheidung von "ich" und "Welt", von "gut" und "böse"...
Die bis dahin selbstverständliche Wahrnehmung der Welt als eines Ganzen, als dessen Teil sich das Kind verstand, ohne auch nur einen Augenblick darüber nachzudenken, ist dahin. Ab nun ist die "Erwachsene" getrennt von der Welt - und hat die Wahl, "gut" oder "böse" zu tun, "in Gedanken, Worten und Werken", wie es so schön heißt ...

Rilke spricht vom "ersten" weißen Schleier, der mitten im Spiel über das (bis dahin!) "aufgetane Antlitz" fällt... daraus schließe ich, daß es in Zukunft wohl noch weitere solcher Schleier geben wird.
Erwachsenwerden, Bewußtwerden, ist ein Prozeß, allerdings ein nicht ganz kontinuierlich und homogen ablaufender. Es geschieht in Stufen, individuell: jeder Mensch bekommt seine ur-eigenen Schleier über das aufgetane Antlitz gebreitet...
Eine Stelle aus einem anderen Gedicht fällt mir ein, das wohl etwas von dem "andren" andeutet, worauf dieser erste Schleier "Vorbereitung" ist:

  • Sieh dir die Liebenden an,
    wenn erst das Bekennen begann,
    wie bald sie lügen.



Bisher haben wir vor allem die Grenze zur Kindheit, zur unwiederbringlich verlorenen paradiesischen Vergangenheit, betrachtet...
Im Gedicht "Die Erwachsene" findet sich aber auch etwas, das Fragen für die Zukunft aufwirft:
Denn der weiße Schleier ist nicht nur, wie Rilke am Schluß sagt:

  • ... sich nie mehr hebend
    und irgendwie auf alle Fragen ihr
    nur eine Antwort vage wiedergebend:
    In dir, du Kindgewesene, in dir.

- sondern er ist auch nur fast undurchsichtig...

Herzlichen Gruß!

Ingrid
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Re: "Die Erwachsene"- Interpretationsansatz???

Beitrag von helle » 14. Okt 2010, 16:04

Ich finde dieses Gedicht und vor allem die erste Strophe schwierig und seltsam unzugänglich. Deshalb komme ich wie ›Claudia‹ im Jahr 2005 über die Anfangsschwierigkeiten nicht hinaus und wundere mich, wie Ihr, fast unabhängig von deren Klärung, an die Deutung des Bildes vom Schleiers begeben könnt. Ich frage mich, ob hier nicht eine Art literarischer Mystifikation Rilkes vorliegt. Ob es nicht einen bestimmten Schlüssel braucht, um Zugang zum Text zu erhalten, eine biblische oder mythologische Person vielleicht oder ein bestimmtes Bild oder ähnliches.

Wer kann mir das erklären? Diesen brüske Einsatz -: »Das alles stand auf ihr und war die Welt« - wie? »Das alles«? Wieso »stand«? Das Verb ist doch nicht selbstverständlich. Eine Last kann auf einem liegen, aber nicht stehen. Wieso war dies »die Welt«? Das Gedicht spricht doch so, als bräuchte sein Leser nicht erst ins Bild gesetzt zu werden, als seien die Voraussetzungen des Verständnisses bereits gegeben. Als hätte die Gleichsetzung von »allem« mit »Angst und Gnade« eine innere Logik oder auch nur Evidenz. Aber so ist es nicht, die einzelnen Begriffe werden nicht aus dem Kontext motiviert, ihr Sinn ergibt sich nicht, wie man so sagt. Man könnte den Fragenkatalog doch mit jeder Zeile fortsetzen, warum »wie Bäume«, wo ist da das Vergleichsobjekt, warum »wie die Bundeslade«, warum »wie auf ein Volk gestellt«, woher »das Fliegende, Entfliehende, Entfernte«, welches »Spiel«, wenn es nicht nur allgemein das Spiel und Spielen in der Kindheit sein soll? Warum ist das »Unerlernte« zu ›ertragen‹, warum gelingt ihr das »gelassen« - welchen Hinweis gibt der Text darauf? Und so fortan.

Die Krone Polens gegen einen Schlüssel! Und dann zum »ersten weißen Schleier« (wieso »der erste«? welche folgen noch?)

Grüßle, h.

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Re: "Die Erwachsene"- Interpretationsansatz???

Beitrag von stilz » 15. Okt 2010, 14:30

Lieber Helle,

nun - es wäre auch für mich ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen, diese erste Strophe, überhaupt dieses ganze Gedicht, "erklären" zu wollen. Das kann ich natürlich nicht - ich kann nur versuchen, zu schildern, was ich erlebe, wenn ich es lese.
  • Das alles stand auf ihr und war die Welt
Wieso "stand" und nicht "lag", fragst Du.
Nun, mein Erleben bei "lag" ist ein ganz anderes, viel "Gewöhnlicheres" und auch viel "Abgetrennteres" als bei "stand": wenn etwas auf ihr "läge", wäre es wohl tatsächlich bloß eine Last und eben nicht "die Welt".
Wenn es aber "stand", "wie Bäume stehen", dann ist nicht nur fest verwurzelt, sondern offenbar auch immer noch "wachsend" und eben nicht abgetrennt, wie ein gefällt daliegender Baum es wäre... sondern verbunden mit allem, inklusive sowohl der Angst als auch der Gnade - und das wäre für mich wieder ein Hinweis auf die "Dualität", in der so viele Menschen leben: entweder schwarz oder weiß, Angst oder Gnade, "ganz Bild" oder "bildlos wie die Bundeslade" (hier kann ich nur vermuten: in der "Bundeslade" wurden ja, soviel ich weiß, eben keine Bilder verwahrt, sondern die steinernen Gesetzestafeln) - aber doch nicht beides gleichzeitig!
Und so verstehe ich eben Rilkes Kindheitsbegriff: die Zeit vor der Spaltung in "res cogitans" und "res extensa", die Zeit, da alles, das man wahrnimmt, gleichzeitig es selbst ist und auch das Bild seiner selbst, die Zeit, da man noch nicht fragt, ob man "gelernt hat", all das, was einem begegnet, zu ertragen, die Zeit, da man noch nicht die Wahl hat, ob man lieber "gelassen" sein möchte oder nicht, und deshalb auch noch nicht einmal ahnt, was der Begriff "gelassen" überhaupt bedeuten könnte...

Für mich sind die "Neuen Gedichte" Rilkes gleichsam "Porträts". Ich stehe davor und staune; und auch wenn ich die hier Porträtierten nicht persönlich kenne und daher nichts über ihr Schicksal zu sagen weiß: Rilke schafft ein Band zwischen uns, und ich kann versuchen zu erfühlen, was er darstellen wollte.

Aber wie schon gesagt - "erklären" kann ich das alles freilich nicht; ebensowenig wie ich das Schicksal des Mannes mit der gebrochenen Nase "erklären" könnte.
Auch Rilke konnte das ja nicht - er konnte nur beschreiben, was er beim Betrachten dieses Kopfes fühlte - das allerdings schildert er in reichem Maße:
  • Man fühlt, was Rodin anregte, diesen Kopf zu formen, den Kopf eines alternden, häßlichen Mannes, dessen gebrochene Nase den gequälten Ausdruck des Gesichtes noch verstärken half; es war die Fülle von Leben, die in diesen Zügen versammelt war; es war der Umstand, daß es auf diesem Gesichte gar keine symmetrischen Flächen gab, daß nichts sich wiederholte, daß keine Stelle leer geblieben war, stumm oder gleichgültig. Dieses Gesicht war nicht vom Leben berührt worden, es war um und um davon angetan, als hätte eine unerbittliche Hand es in das Schicksal hineingehalten, wie in die Wirbel eines waschenden, nagenden Wassers. Wenn man diese Maske in Händen hält und dreht, ist man überrascht über den fortwährenden Wechsel der Profile, von denen keines zufällig ist, ratend oder unbestimmt. Es gibt an diesem Kopf keine Linie, keine Uberschneidung, keinen Kontur, den Rodin nicht gesehen und gewollt hat. Man glaubt zu fühlen, wie einige von diesen Furchen früher kamen, andere später, wie zwischen dem und jenem Riß, der durch die Züge geht, Jahre liegen, bange Jahre, man weiß, daß von den Zeichen dieses Gesichtes einige langsam eingeschrieben wurden, gleichsam zögernd, daß andere erst leise vorgezeichnet waren und von einer Gewohnheit oder einem Gedanken, der immer wieder kam, nachgezogen wurden, und man erkennt jene scharfen Scharten, die in einer Nacht entstanden sein mußten, wie vom Schnabel eines Vogels hineingehackt in die überwache Stirne eines Schlaflosen. Man muß sich mühsam erinnern, daß alles das auf dem Raume eines Gesichtes steht, so viel schweres, namenloses Leben erhebt sich aus diesem Werke. Legt man die Maske vor sich nieder, so meint man auf der Höhe eines Turmes zu stehen und auf ein unebenes Land herabzusehen, über dessen wirre Wege viele Völker gezogen sind. Und hebt man sie wieder auf, so hält man ein Ding, das man schön nennen muß um seiner Vollendung willen. Aber nicht aus der unvergleichlichen Durchbildung allein ergibt sich diese Schönheit. Sie entsteht aus der Empfindung des Gleichgewichts, des Ausgleichs aller dieser bewegten Flächen untereinander, aus der Erkenntnis dessen, daß alle diese Erregungsmomente in dem Dinge selbst ausschwingen und zu Ende gehen. War man eben noch ergriffen von der vielstimmigen Qual dieses Angesichtes, so fühlt man gleich darauf, daß keine Anklage davon ausgeht. Es wendet sich nicht an die Welt; es scheint seine Gerechtigkeit in sich zu tragen, die Aussöhnung aller seiner Widersprüche und eine Geduld, groß genug für alle seine Schwere.



Herzlichen Gruß!
Ingrid

P.S.: Ich gestehe - ich bin eigentlich ganz froh, daß ich nun nicht so mirnixDirnix einen "Schlüssel" aus der Hosentasche ziehen kann: was täte ich mit Polens Krone! :D
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

helle
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Re: "Die Erwachsene"- Interpretationsansatz???

Beitrag von helle » 17. Okt 2010, 14:44

Liebe Ingrid,

Deine Hinweise und Eindrücke sind sehr hilfreich, danke schön.

Mit der Rede vom Schlüssel meinte ich keinen, der mirnixdirnix aus der Tasche zu ziehen wäre, als Gebrauchsanweisung. Ich glaube aber mit Blick auf die Logik seines Produziertseins, daß Rilke bei diesem Gedicht an etwas Konkretes dachte, aber ich kann mich natürlich täuschen.

Herzlichen Gruß zurück,
h.

sedna
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Re: "Die Erwachsene"- Interpretationsansatz???

Beitrag von sedna » 23. Okt 2010, 21:02

joni hat geschrieben:Aber der weiße Schleier, der ist spannend.
Was für eine Erfahrung macht diese Frau da, die sie vom Kind zur erwachsenen Frau macht?
Sie wird geheiratet ;)

sedna
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

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