Trennung


«...weil diese furchtbare Wahrheit wahrscheinlich zugleich auch unsere fruchtbarste und seligste ist.»

Warum Menschen, die sich lieb haben, voneinandergehen, eh es nötig ist? - ja: vielleicht, weil diese Notwendigkeit jeden Augenblick heraustreten und fordern kann. Weil es doch etwas so sehr Vorläufiges ist: beisammen zu sein und sich lieb zu haben. Weil dahinter doch in jedem - oft eingestanden, oft verleugnet - die merkwürdige Gewißheit wartet, daß alles, was über ein schönes, in seinem Wesen fortschrittloses Mittelmaß hinausreicht, doch völlig allein, als von einem unendlich Einzelnen (fast Einzigen) wird empfangen, ertragen und bewältigt sein müssen. Die Stunde des Sterbens, die diese Einsicht einem jeden abringt, ist nur eine von unseren Stunden und keine ausnahmsweise: Unser Wesen geht immerfort in Veränderungen über und ein, die an Intensität vielleicht nicht geringer sind als das Neue, Nächste und Übernächste, das der Tod mit sich bringt. Und so wie wir einander an einer bestimmten Stelle jenes auffallendsten Wechsels ganz und gar lassen müssen, so müssen wir, strenggenommen, einander jeden Augenblick aufgeben und weiterlassen und nicht zurückhalten. Macht es Sie bestürzt, daß ich das alles so hinschreiben kann, wie einer, der einen Satz in einer fremden Sprache abschreibt, ohne zu wissen, was Schmerzlichstes er bedeutet? Das ist, weil diese furchtbare Wahrheit wahrscheinlich zugleich auch unsere fruchtbarste und seligste ist. Wenn man oft mit ihr umgeht, so verliert sie zwar nichts von ihrer harten Erhabenheit (und legte man sich weinend um sie, - man erwärmte und erweichte sie nicht); aber das Vertrauen zu ihrer Strenge und Schwere nimmt täglich zu, und auf einmal meint man, wie durch klare Tränen, die ferne Einsicht zu ahnen, daß man selbst als ein Liebender das Alleinsein nötig hat, daß einem Weh, aber nicht Unrecht geschieht, wenn es einen mitten in einem zu einem geliebten Menschen hinstürzenden Gefühl überfällt und einschließt: ja daß man sogar dieses scheinbar Gemeinsamste, das die Liebe ist, nur allein, abgetrennt, ganz ausentwickeln und gewissermaßen vollenden kann; schon deshalb, weil man im Zusammenschluß starker Neignungen eine Strömung von Genuß erzeugt, die einen hinreißt und schließlich irgendwo auswirft; während dem in seinem Gefühl Eingeschlossenen die Liebe zu einer täglichen Arbeit wird an sich selbst und zu einem fortwährenden Aufstellen kühner und großmütiger Anforderungen an den anderen. Wesen, die einander so lieben, rufen unendliche Gefahren um sich auf, aber sie sind sicher von den kleinen Gefährlichkeiten, die so viele große Gefühlsanfänge ausgefranst und zerbröckelt haben. Da sie einander immerfort das Äußerste wünschen und zumuten mögen, kann keiner dem anderen durch Beschränkung unrecht tun; im Gegenteil, sie erzeugen sich gegenseitig unaufhörlich Raum und Weite und Freiheit, genau wie der Gottliebende und für Gott zu allen Zeiten Fülle und Vollmacht aus seinem Herzen ausgeworfen und in den Tiefen des Himmels gegründet hat. Dieser erlauchte Geliebte hat die vorsichtige Weisheit, ja (es kann nicht mißverstehbar sein, es so zu sagen) die edle List gebraucht, sich nie zu zeigen; so daß die Liebe zu Gott zwar in einzelnen ekstatischen Seelen zu eingebildeten Momenten des Genusses führen konnte, - aber doch, ihrem Wesen nach, ganz und gar Arbeit geblieben ist, härtester Taglohn und schwierigste Bestellung.

Messen Sie doch aber nun an dieser Liebe, an ihrer Großartigkeit und ihrem Ertrag durch die Zeiten hin jeden Liebesversuch, der weniger einsam, weniger verzweifelt, wenn Sie wollen, - der befriedigter war: so werden Sie (nicht mehr erschrocken, nein, unbeschreiblich zustimmend, in glücklichem Schrecken höchstens) zugeben, daß auch zwischen Menschen nur diese gewaltigste Liebe recht hat, die einzige, die diesen Namen verdient. Ist - hier endlich erst schließt sich mein Kreis - die Ahnung solcher Einsicht nicht vielleicht die Ursache, warum Menschen, die sich lieb haben, voneinander gehen?

Aus einem Brief an Elisabeth Freiin Schenk zu Schweinsberg
(4. November 1909).